Doping: Alle Jahre wieder Thüringen

Die nordische Ski-WM in Seefeld ist zwar schon längst Geschichte, sie wird aber noch vielen Menschen lange im Gedächtnis bleiben. Allerdings weniger wegen der sportlichen Leistungen – Norwegen räumte wie immer fast alle Medaillen ab – sondern wegen der Geschehnisse rund um die Doping-Razzia sowohl in Erfurt als auch in Seefeld. Erfurt? Thüringen? Das war doch was. Immer wieder taucht das grüne Herz Deutschlands in der Dopingberichterstattung auf.

Als vor zwei Wochen (27.02.2019) die ersten Nachrichten über die „Operation Aderlass“ über den Ticker liefen, stand die Sportwelt kurz ganz still. Sie fing sich aber mindestens genauso schnell wieder. Wie üblich bei solchen Dopingskandalen sprachen Funktionäre, AthletInnen und sogar TV-Moderatoren von unverbesserlichen Einzeltätern, die einfach nichts dazu lernen würden. Und auch sportlich war es wieder Business as usual: Martin Johnsrud Sundby, selbst 2016 wegen des Missbrauchs eines Asthmamittels für zwei Monate gesperrt, holte sich an diesem Nachmittag seinen ersten WM-Einzeltitel über die 15km klassisch.

Dass die „Operation Aderlass“ jedoch höhere Wellen schlagen würde, sollte allen Beteiligten ziemlich schnell klar werden. Dafür sorgte schon alleine der Fund von vierzig Blutbeuteln in der Erfurter Praxis von Dr. Mark Schmidt, der als mutmaßlicher Strippenzieher des aufgedeckten, laut Ermittlern mafia-ähnlichen Dopingrings in Erfurt festgenommen wurde. Doch nicht nur, dass die in Seefeld in flagranti erwischten und festgenommenen Sportler quasi sofort gestanden, es bekannten sich immer mehr Sportler zum Blutdoping bei Schmidt. Darunter auch eine Reihe von estländischen Langläufern, deren Trainer Mati Alaver als einer der Haupttatverdächtigen identifiziert wurde. Ausgelöst wurden die staatsanwaltlichen Untersuchungen durch ein Interview, das der des Dopings 2014 in Sotchi überführte Langläufer Johannes Dürr der ARD Sportschau gab.

Darin redete er scheinbar so offen über seine Dopingvergangenheit, dass die deutschen und österreichischen Behörden auf ihn aufmerksam wurden. Als Kronzeuge packte er anschließend über die Hintermänner sowie seine Mitdoper aus. Eine kuriose Wende nahm die ganze Angelegenheit dann aber doch noch: ein paar Tage später (05.03.2019) wurde Dürr selbst verhaftet. Es stellte sich heraus, dass er entgegen seiner eigenen Aussage bis Ende 2018 selbst Eigenblutbehandlungen bei Schmidt durchführen ließ. Sein Enthüllungsbuch und die Crowdfunding-Kampagne, mithilfe derer er bisher über 30.000 Euro sammelte, um ein Langlauf-Comeback zu starten, ließen dieses kleine, nicht unwichtige Detail allerdings unerwähnt. In einem ganz anderen Licht erscheint mittlerweile auch seine damalige (2014) familiäre Beziehung zu Gottlieb Taschler, ehemaliger IBU-Vizepräsident, der seinen Posten wegen seines Kontaktes zu Doping-Guru Dr. Michele Ferrari (Lance Armstrongs Dopingarzt) Ruhen lassen musste. Dieser war nämlich Dürrs Schwiegervater. Und es kommen seitdem immer mehr interessante Zufälle ans Licht.

Doch wer ist Dr. Mark Schmidt überhaupt? Dr. Mark Schmidt führt seine Praxis für Allgemeinmedizin zusammen mit seiner Mutter Dr. Heidrun Schmidt, ihrerseits in der DDR Teamärztin für den dopingbehafteten SC Turbine Erfurt. Für diese Praxis bestand bis zuletzt eine Lizenz als „sportmedizinische Untersuchungsstelle“ in Thüringen, welche für die Feststellung der allgemeinen Sporttauglichkeit des D-Landeskaders zuständig war. Laut dem Landessportbund Thüringen (LSB), der diese Lizenzen erteilt, hat dies aber nichts mit der kontinuierlichen Betreuung von Spitzen- und Nachwuchssportlern zu tun. Nach der Verhaftung Schmidts entzog der LSB diese Lizenz augenblicklich:

„Die Lizenz wird für vier Jahre verliehen und kann anschließend für vier Jahre verlängert werden. Diese Verlängerung wurde für die Arztpraxis von Dr. Heidrun Schmidt vorgenommen. Im Rahmen dieser laufenden Verlängerung trat Mark Schmidt in die Praxis ein. […] „Das hätte nicht passieren dürfen‘. So erklärt Hügel (Präsident LSB Thüringen, Anm. d. Red.): ‚Wir haben an dieser Stelle nicht tiefgründig genug die bestehenden Dopingbelastungen im Prozess um die Anerkennung der Lizenzfortschreibung als sportmedizinische Untersuchungsstelle bewertet. Dies war falsch und wir müssen und wollen jetzt die Konsequenzen schnellstmöglich tragen und limitieren.‘“

(Statement des LSB Thüringen zur Causa Schmidt, 28.02.2019)

 

Alles nur Zufall?

Dr. Mark Schmidt war nämlich schon einmal in einen Dopingskandal verwickelt. Als Teamarzt vom Team Gerolsteiner (2006 – 2008) sowie Team Milram (2009 – 2010) sah er sich mit den Vorwürfen konfrontiert, die damaligen Radsportler Stefan Schumacher, Bernard Kohl und David Kopp beim Doping unterstützt zu haben. Die Untersuchungen der Doping-Schwerpunktstaatsanwaltschaft Freiburg gegen ihn verliefen 2013 jedoch im Sand. Der LSB Thüringen war sich den schwerwiegenden Anschuldigungen bewusst, als er  Schmidt seine jungen AthletInnen anvertraute, nur von Kaderathleten musste er Abstand halten. Seit 2017 arbeitete Schmidt wieder im Radsport, zuerst als Teamarzt von Aqua Blue Sport, danach bei Groupama – FDJ. Die zwei Radsportler Stefan Denifl und Georg Preidler, die im Zuge der „Operation Aderlass“ Blutdoping gestanden, fuhren für genau diese Teams.

Ermittelt wurde damals übrigens auch gegen den zweiten Arzt des Teams Gerolsteiner, Dr. Ernst Jakob – ein langjähriger Weggefährte des Freiburger Dopingarztes Prof. Joseph Keul und damaliger Vorgesetzter Schmidts in der Sportklinik Hellersen in Lüdenscheid. Verbindungen pflegte Schmidt außerdem zu dem österreichischen Sportmanager Stefan Matschiner. Dieser stand im Mittelpunkt der damaligen Humanplasma-Affäre, im Rahmen derer mehrere SportlerInnen wegen Dopings gesperrt und verurteilt wurden. Die technischen Geräte, die bei Schmidt gefunden wurden, erwarb dieser wohl von Matschiner.

Schmidts Vater Ansgar war anscheinend ebenfalls in die „Operation Aderlass“ verwickelt, dafür spricht zumindest seine Festnahme in Seefeld. Ansgar Schmidt war lange Zeit eine feste Größe des thüringischen Sports. So war er fast 20 Jahre Mitglied im Vorstand der Stiftung Thüringer Sporthilfe, Rechtswart im Thüringer Skiverband sowie Vorsitzender des Schiedsgerichts des LSB Thüringen. Außerdem wurde ihm 2009 „in Anerkennung besonderer Verdienste um die Förderung des Sports“ vom LSB Thüringen ein Preis verliehen, dessen Aberkennung der LSB nun prüft. Besonders pikant: Ansgar Schmidt war bis Ende des letzten Jahres in der Anwaltskanzlei von Heinz-Jochen Spilker angestellt.

Doping im Hammer Modell

Heinz-Jochen Spilker ist ebenfalls kein unbeflecktes Blatt in Sachen Doping. Zusammen mit dem Trainer Heinz-Jörg Kinzel etablierte Spilker in den 1980er Jahren das sogenannte Hammer Modell, in dem seine Sprinterinnen hemmungslos mit Dopingmitteln vollgepumpt wurden. Die Machenschaften des SC Eintracht Hamm waren ein offenes Geheimnis in der Szene und sogar in Kanada im Rahmen der Ben Johnson-Dopinguntersuchung ein Thema, zur Belohnung wurde Spilker vom Deutschen Leichtathletikverband zum Sprint-Bundestrainer befördert. Erst als die Sprinterin Claudia Lepping öffentlich über das Doping auspackte – sie weigerte sich, ein Teil dieses Dopingsystems zu werden – wurden Spilker und Kinzel wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz verurteilt. Das war 1994.

Während nach der Wende viele Ost-Trainer in die alten Bundesländer oder ins Ausland, vornehmlich Österreich und China, umsiedelten und dort ihre „Dienste“ anboten, ging Spilker den umgekehrten Weg. Bereits 1990 ließ er sich mit seiner Anwaltskanzlei in Erfurt nieder, wo er rasch in die politische Elite Thüringens aufstieg. Andreas Birkmann, ehemaliger Justizminister Thüringens, und Manfred Scherer, ehemaliger Innenminister Thüringens, üben bis heute eine Anwaltstätigkeit in der Kanzlei Spilkers aus. Das heißt jedoch nicht, dass er dem Sport den Rücken zukehrte. Ganz im Gegenteil, er bekleidete noch bis ins Jahr 2012 das Amt des Vizepräsidenten des LSB Thüringen. Zur gleichen Zeit übernahm Spilkers Anwaltskanzlei allerdings auch die Verteidigung von Dr. Andreas Franke.

Doping-Methoden aus der DDR

Der Allgemein- und Sportmediziner aus Erfurt stand damals im Mittelpunkt der UV-Strahlen-Affäre. Er war am Olympiastützpunkt Erfurt auf Honorarbasis angestellt und soll bis 2011 mit dem Wissen des LSB rund dreißig AthletInnen mit UV-bestrahltem Eigenblut behandelt haben, eine nach der WADA ab 2011 verbotenen Dopingmethode. Herausgekommen ist dies alles aufgrund der Ermittlungen gegen Claudia Pechstein, die neben dem Radsportler Marcel Kittel die prominenteste Patientin Frankes war. Die Verfahren gegen die SportlerInnen sowie Franke wurden jedoch eingestellt, da keine Dopingabsicht nachgewiesen werden konnte. Außerdem fehlte der NADA schlicht das Geld, um Verfahren gegen mehr als dreißig SportlerInnen zu führen. 2012 gab es ja das Anti-Doping-Gesetz noch nicht.

Dass Franke diese Eigenblutbehandlungen durchführte, bestritt er nie. Vielmehr habe er diese Methode, die er im Übrigen schon seit mehr als zwanzig Jahren anwende, zur Behandlung sowie Vorbeugung von Infekten genutzt.  Dass die Bestrahlung mit UV-Licht bereits Anfang der 1980er Jahre in der DDR-Dopingforschung sowohl erprobt als auch angewandt wurde und Franke zu dieser Zeit Arzt der damaligen Sportmedizinischen Hauptberatungsstelle Erfurts war, ist mit Sicherheit auch nur einer dieser komischen Zufälle. In diese Kategorie fällt wohl auch die Tatsache, dass sein langjähriger Praxispartner Dr. Horst Tausch war – seinerzeit Verbandsarzt der DDR-SchwimmerInnen, wegen deren Dopings er 1999 zu einer Gefängnisstrafe in Höhe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt wurde.

Kritik nicht erwünscht

Die Doping-Stasi-Verstrickungen in den DDR-Sport sind überall zu finden. Am besten ist dies am Beispiel Rolf Beilschmidts festzumachen, dem derzeitigen LSB-Geschäftsführer in Thüringen. Dieser gehörte in den 1970er Jahren zur Weltspitze im Hochsprung, auch nachweislich dank der Einnahme von Dopingmitteln. Nach seiner Karriere stieg er zum Leiter seines Heimatvereins SC Motor Jena auf, von 1991 bis 2001 leitete er sogar den Olympiastützpunkt Erfurt, bevor er zum Hauptgeschäftsführer des LSB befördert wurde. Noch nicht einmal die Enthüllungen über Beilschmidts langjährige Stasi-Tätigkeit konnten seiner Funktionärskarriere einen Knick verpassen. Woran das lag? Beilschmidt wurde jahrelang vom ehemaligen LSB-Präsidenten (1994 – 2018) und SED-Altkader Peter Gösel protegiert. Gösel folgte damals auf Manfred Thieß, der wegen seiner Stasi-Vergangenheit zum Missfallen vieler im LSB nicht mehr zu halten war.

Bis heute werden Kritiker, die auf die DDR-Seilschaften innerhalb des thüringischen Sports hinweisen, mundtot gemacht und als Nestbeschmutzer beschimpft. So geschehen bei der Biathlon-WM 2004 in Oberhof, damals wie heute eine der Biathlon-Hochburgen der Welt. In die Organisation waren zahlreiche ehemalige Stasi-Mitarbeiter eingebunden, damalige Doping-Täter waren Teil des Trainerteams. Da wundert es kaum, dass anerkannte Doping- und Stasi-Opfer, die die Missstände öffentlich anprangerten, keine Einladung zu den Wettkämpfen erhielten. 2023 findet die Biathlon-WM wieder in Oberhof statt. Und das Thema Stasi ist bei geschätzt 3000 Sport-IMs noch immer brandaktuell: der damalige Zeremonienmeister und heutige Chef des Oberhofer Weltcups sowie des WM-Organisationskomitees ist Holger Wick, ein ehemaliger Biathlet des ASK Vorwärts Oberhof. Von 1981 bis 1988 war er aber auch als „IM Gerd Schütze“ unterwegs.

Zurück zum Radsport

Doch zurück zum Radsport. Die Blutbeutel-Affäre um Dr. Mark Schmidt weckt Erinnerungen an einen anderen Dopingskandal, der 2006 die gesamte Radsportszene in Aufruhr versetzte. Ein gewisser Dr. Eufemiano Fuentes versorgte die Elite des Radsports mit allerhand Dopingmitteln. Fuentes Spur führte allerdings auch nach Thüringen. Denn Fuentes‘ Partner in Crime war der Mediziner Dr. Markus Choina, der in der Helios-Klinik in Bleicherode / Thüringen angestellt war. Über Choina erhielt Fuentes nicht nur seine Dopingmedikamente, sondern auch teure Geräte zum Abpacken von Blutbeuteln.

Dieses Jahr im Sommer steht Thüringen übrigens wieder im Mittelpunkt der Sportberichterstattung, wenn in Erfurt der Gesamtsieger der Deutschland Tour gekürt wird.

Kampf um die Karriere: Caster Semenya vs. IAAF

Neben dem Dauerbrenner Doping bestimmen die Diskussionen um Caster Semenya in den letzten Jahren die Schlagzeilen. Kaum ein Thema ist so allgegenwärtig und wird so hitzig debattiert wie die Frage nach Semenyas Geschlecht und ihren Testosteron-Werten. Entweder man ist auf ihrer Seite oder der des Internationalen Leichtathletik-Weltverbandes. Ein Dazwischen scheint es kaum zu geben. Was oft vergessen wird: die Frage nach Frau oder Mann genießt im Sport eine lange Tradition. Deshalb gibt der erste Teil dieser Mini-Serie eine kleine Einführung in den Sachverhalt, um dann einen Blick in die Geschichte der Geschlechtsüberprüfungen zu werfen.

Noch im Sommer 2018 stellte Caster Semenya neue Landesrekorde über die 800m- und 1.500m-Strecken auf. Doch wenn es nach dem Internationalen Leichtathletikverband IAAF ginge, könnte ihre Karriere bald beendet sein, sollte sie sich nicht freiwillig einer Hormontherapie unterziehen. Die IAAF kämpfte diese Woche nämlich vor dem Internationalen Sportgerichthof CAS für die Umsetzung seiner neuen Testosteron-Regel, die eigentlich schon letzten November in Kraft treten und die Teilnahme von betroffenen Athletinnen an den Frauen-Wettbewerben der Leichtathletik neu regeln sollten. Der CAS hegte jedoch Zweifel an der wissenschaftlichen Beweisführung der IAAF, so dass sich die IAAF gezwungen sah, die neuen Regularien auszusetzen.

Die aktualisierten Hyperandrogenämie-Regularien unterscheiden sich in einem elementaren Punkt von denen aus dem Jahr 2011: Es sollen nur noch Sportlerinnen bei den Frauen antreten dürfen, deren natürlicher Testosterongehalt im Blut unter fünf Nanomol pro Liter liegt – damals war der Grenzwert noch doppelt so hoch. Um international starten zu dürfen, müssten diese Athletinnen nun mithilfe einer Hormontherapie ihren Testosteron-Wert künstlich senken. Die IAAF begründet diese Verschärfung mit einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie von 2017, welche den Zusammenhang zwischen natürlichen Testosteron und sportlicher Leistung untersuchte. Danach hätten Athletinnen mit einem körpereigenen Testosteron-Gehalt von über fünf Nanomol pro Liter im Blut einen signifikanten Leistungsvorteil gegenüber Athletinnen mit einem durchschnittlichen Testosteron-Wert: über 400m 2,73 Prozent, 400m Hürden 2,78 Prozent, 800m 1,78 Prozent, Hammerwurf 4,53 Prozent und Stabhochsprung 2,94 Prozent.

„Caster-Semenya-Regularien“

Der Autor dieser Studie, Dr. Stéphane Bermon, seinerseits Direktor des IAAF Health & Science Departments, sieht sich massiver Kritik ausgesetzt. Diverse Wissenschaftler bemängeln die statistische Fehlerhaftigkeit der Studie. So wurden ihrer Meinung nach einige sportliche Leistungen doppelt verwendet, mehrere Ergebnisse wurden später wegen Dopings aberkannt und manche Ergebnisse konnten keiner Athletin zugeordnet werden. Insgesamt sollen knapp 32 Prozent der Werte fehlerhaft sein. Erhebliche Kritik erregte auch der Umstand, dass sich die neuen Regularien auf die Distanzen von 400m bis zu einer Meile (1.609m) beschränken, obwohl der größte Leistungsvorteil laut Bermons Studie in den Disziplinen Hammerwurf und Stabhochsprung gegeben ist.

Die IAAF erweckt damit bei vielen Kritikern den Eindruck, als ob die neuen Regularien genau auf Semenya zugeschnitten seien. In Leichtathletikkreisen und in den sozialen Medien wird über die Absichten der IAAF spekuliert – nämlich Semenya, die in den letzten Jahren diese Strecken dominierte, so aus dem Verkehr ziehen zu können. Doch auch Rassismus-Vorwürfe werden laut, da diese Strecken vornehmlich von Athletinnen aus dem globalen Süden bestimmt werden. Befeuert werden diese Vorwürfe mit der Hereinnahme der Meile, eine Strecke, die gar nicht erst Teil der Studie war. Caster Semenya erfährt jedoch nicht nur die Unterstützung diverser Wissenschaftler, die diese Woche bei den CAS-Anhörungen in ihrem Namen aussagen. Sie hat außerdem die südafrikanische Regierung, die Vereinten Nationen und prominente SportlerInnen wie Tennis-Ikone Billie Jean King auf ihrer Seite, die die neue Verordnung der IAAF als Verletzung der Menschenrechte ansehen.

Die IAAF beharrt jedoch auf ihrer Begründung, mit den neuen Regeln für gleiche und faire Wettkampfbedingungen innerhalb des Frauenfeldes zu sorgen und so die Gesundheit der betroffenen Athletinnen schützen zu wollen.

Was ist Hyperandrogenämie?

Apropos, Gesundheit. Was bedeutet Hyperandrogenämie überhaupt? Dazu erst einmal Grundsätzliches: Männer und Frauen produzieren jeweils sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtshormone. Bis zur Pubertät ähneln sich die Level der männlichen Geschlechtshormone (Androgene) sogar, erst danach steigt der Wert bei Jungs deutlich an. So liegt der durchschnittliche Testosteron-Wert bei Frauen im Erwachsenenalter bei 0,12 bis 1,79 Nanomol pro Liter, bei Männern rangiert er zwischen 7,7 und 29,4 Nanomol pro Litern. Produziert der Körper überdurchschnittlich viele Androgene (u.a. Testosteron), dann spricht man von einer Hyperandrogenämie. Dies bezeichnet eine hormonelle Störung, die Frauen und Männer betreffen kann. Häufige Symptome sind unter anderem typisch männlicher Haarwuchs, ein maskulines Erscheinungsbild, Akne sowie Unfruchtbarkeit und Übergewicht.

Hyperandrogenämie kann durchaus verschiedene Ursachen haben. Neben Tumoren oder dem Polyzystischen Ovarial-Syndrom können eine Reihe von Sexualdifferenzierungs-störungen (engl. Differences of Sex Development, DSD) diese hormonelle Imbalance auslösen. Die Athletinnen, die nun unter die neuen Regularien der IAAF fallen, sind meistens von letzterem betroffen. Diese sogenannten Sexualdifferenzierungsstörungen sind medizinische Konditionen, die zu atypischen genetischen, anatomischen sowie hormonellen Entwicklungen im weiblichen Reproduktionssystem führen können – dazu gehört unter anderem die Intersexualität. Die IAAF möchte nun also jene Athletinnen sperren, die an bestimmten Sexualdifferenzierungsstörungen „leiden“, dadurch bedingt einen Testosteron-Wert im männlichen Bereich vorweisen und dieses Testosteron besonders gut verarbeiten können (Androgensensitivität).

Können das wirklich Frauen sein?

Die IAAF betont dabei immer wieder, dass sie weder den biologischen noch den sozialen Status der betroffenen Frauen in Frage stellen oder beurteilen möchten. Dennoch löste sie mit ihren Hyperandrogenämie-Regularien eine Diskussion aus, die seit Beginn des professionalisierten Frauensports Anfang des 20. Jahrhunderts eine lange Tradition genießt. Damals etablierten sich Frauen nach und nach in der Welt des Sports, nachdem alte Rollenbilder und männlich-geführte Verbände sie lange von einer Teilnahme ausschlossen. Doch nun durften sie an Olympischen Spielen teilnehmen, betrieben Sportarten wie das männlich-dominierte Skispringen und brachten Stars wie Sonia Henie oder Babe Didrikson hervor. Aber je mehr Frauen in Bereiche wie Sport, Arbeit und Bildung vorstießen, desto verunsicherter wurden Männer, was ihr eigenes Selbstverständnis anging.

Eine Frage wurde dabei immer wieder diskutiert: können diese schnellen, athletischen Sportlerinnen, die sogar den Männern plötzlich Konkurrenz machten, wirklich echte Frauen sein? Diese Debatte ließ auch die Sportfunktionäre nicht kalt. Sie wurden schließlich so skeptisch ob der Weiblichkeit der Athletinnen, dass sie bereits in den 1930er Jahren erste Geschlechterüberprüfungen veranlassten. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass sich hinter der weiblichen Fassade nicht doch insgeheim ein Mann versteckte.

Olympia 1936: Die Fälle Dora Ratjen und Stanislawa Walasiewicz

Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wurden daraufhin erste Leichtathletinnen auf ihr Geschlecht untersucht. Darunter war auch die spätere Sprint-Olympiasiegerin Helen Stephens aus den USA. Ihr wurde ausgerechnet von der eigentlichen Favoritin Stanisława Walasiewicz und den polnischen Medien vorgeworfen, ein Mann zu sein. Das entsprach zwar nicht der Wahrheit, kurioserweise entpuppte sich jedoch Stella Walsh, wie Walasiewicz nach ihrer Heirat in den USA hieß, später selbst als intersex – dies ergab eine Autopsie 1989, nachdem sie bei einem Raubüberfall getötet wurde.

Besondere Aufmerksamkeit erlangte hierzulande, damals wie heute, jedoch der Fall Dora Ratjen – auch dank der historisch nicht ganz akkuraten Verfilmung „Berlin 36“ aus dem Jahr 2009. Anders als im Film behauptet, wurde die Hochspringerin Ratjen nicht von den Nationalsozialisten als Frau verkleidet und mit dem Ziel in die Mannschaft geschleust, die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann von einer Teilnahme an den Spielen in Berlin abzuhalten. Dora Ratjen, als deutsche Meisterin eh für die olympischen Wettbewerbe 1936 qualifiziert, war intersexuell. Es stellte sich kurz nach den Spielen heraus, dass Ratjen, entgegen seines eigenen Gefühls, als Mädchen herangezogen wurde. 1939 änderte er schließlich seinen Namen von Dora zu Heinrich und lebte bis zu seinem Tod 2008 als Mann, seine Titel und Weltrekorde wurden von der IAAF zudem aberkannt.

Die 1960er: Nackt-Paraden auf dem Flur

Die IAAF führte 1946 Massentests ein, um das Geschlecht der Sportlerinnen zu überprüfen. 1948 zog das IOC nach. Dennoch waren die Kontrollen nicht verpflichtend, die Verbände handelten viel mehr auf Verdacht. Entsprachen Frauen nicht dem damaligen Standardbild von Weiblichkeit, mussten sie sich diesen ärztlichen Untersuchungen unterziehen. Verpflichtende Geschlechtertests fanden sodann erstmals 1966 bei den Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Die Prozedur sah wie folgt aus: die Sportlerinnen mussten sich reihum vor einem Ärztegremium nackt ausziehen und abtasten lassen. Wenn eine echte Vagina vorhanden sowie kein Penis zu erkennen war, erhielten die Frauen ihre Startberechtigung. Dieses Vorgehen sei nötig gewesen, da es laut IAAF eine Reihe von Athletinnen gab, die eigentlich männlich gewesen seien. Heutzutage würden diese Frauen wohl als intersexuell gelten.

Ein weiterer Grund für die Durchführung der Geschlechtsüberprüfungen durch die IAAF höchstpersönlich war das fehlende Vertrauen zu den jeweiligen Teamärzten, die einst für die Kontrollen verantwortlich waren. In kaum einem Bereich machte sich der Kalte Krieg so bemerkbar wie im Sport, Themen wie Doping und Sportbetrug rückten deshalb immer weiter in den Fokus der Funktionäre. Vor allem den Ostblockstaaten wurde nachgesagt, mit allen Mitteln gewinnen zu wollen und sogar so weit zu gehen, Männer als Frauen zu verkleiden. Die große sportliche Überlegenheit sowie das „unweibliche“ Auftreten derer Athletinnen bestärkten diesen Verdacht umso mehr. Dass nach Einführung der Geschlechtstests zahlreiche Ostblock-Athletinnen wie zum Beispiel die ukrainischen Press-Schwestern plötzlich ihre Karriere beendeten, heizte die Gerüchteküche nur noch mehr an und bestätigte die IAAF-Funktionäre in ihrem Vorhaben.

Hauptsache XX

Die Untersuchungen vor einem Ärztegremium und die damit verbundene Demütigung, die viele Athletinnen dabei empfanden, waren jedoch nicht von langer Dauer. Schon 1967 wurde diese Art der Kontrolle durch einen Chromosomen-Test ersetzt, bei dem man Wangenabstriche auf die jeweilige Chromosomenanzahl untersuchte. Da Frauen üblicherweise zwei X-Chromosomen und Männer jeweils ein X- und Y-Chromosom aufweisen, hielt die IAAF diesen Geschlechts-Chromatin-Test sowohl für zuverlässiger als auch würdevoller. Wurden zwei X-Chromosomen gefunden, bekamen die Athletinnen das Startrecht zugesprochen. Sobald jedoch eine Abweichung erkannt wurde, verweigerte die IAAF das Startrecht und gab den betroffenen Athletinnen die Möglichkeit, eine Krankheit als Begründung für die Absage vorzuschieben. Das IOC führte den Chromosomen-Test kurze Zeit später ebenfalls ein.

Als erstes Opfer des Chromatin-Tests ging die polnische Sprinterin und Staffel-Olympiasiegerin von 1964, Ewa Klobukowska, in die Geschichte ein. Nach einer Reihe von Tests, bei denen man bei ihr XX- und XXY-Chromosomen fand – ein Y-Chromosom zu viel – wurde sie gesperrt und offiziell als Hermaphrodit eingestuft. Weil sie sich weigerte, dieses Urteil zu akzeptieren, machte der europäische Verband das Testergebnis öffentlich. Diese Demütigung führte nicht nur zum Karriereende von Klobukowska, sondern auch zu der Richtlinie des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dass fortan Testergebnisse der Geheimhaltung unterlegen sein müssen. Klobukowska, die im Vorfeld der Europameisterschaften 1966 die ärztliche Untersuchung noch ohne Probleme überstand, brachte 1968 übrigens einen Sohn zur Welt.

Endokrinologen und Genetiker kritisierten daraufhin die Fehlerhaftigkeit des Chromatin-Tests. Die Gegenwart eines zweiten X-Chromosoms sei nicht immer aussagekräftig, was die Bestimmung des biologischen Geschlechts angeht. Es gäbe einfach zu viele natürliche Anomalien, die in die Irre führen würden. So könnten Frauen Chromosome vorweisen, die sie als männlich identifizieren würden – wie im Fall Ewa Klobukowska. Außerdem spielten Faktoren wie Hormone, Genetik sowie Physiologie eine bedeutsame Rolle bei der Definition des Geschlechts. Deshalb sei der Geschlechts-Chromatin-Test ihrer Ansicht nach diskriminierend und traumatisierend, da Frauen, die von solchen Anomalien betroffen waren, meistens bis dahin gar nichts davon wussten und ihnen plötzlich deren weibliche Identität abgesprochen wurde. Doch trotz dieser heftigen Kritik setzten die IAAF sowie das IOC den Chromatin-Test bis in die 1980er Jahre ein. Bis Maria José Martínez Patiño den Kampf aufnahm.

Der Widerstand der Maria José Martínez Patiño

Bei Martínez Patiño, einer spanischen Hürdensprinterin, wurde im Rahmen der Universiade 1985 in Japan der Karyotyp 46,XY festgestellt – genetisch gesehen gilt sie somit als männlich, physiologisch betrachtet ist sie allerdings eine Frau mit Brüsten und einer Vagina. Sie wuchs als Frau auf, nicht einmal ihre Eltern wussten von dieser genetischen Anomalie. Doch sowohl die IAAF als auch das IOC sperrten Martínez Patiño und annullierten ihre Rekorde, sie verlor außerdem ihr Stipendium sowie ihren Verlobten, von der öffentlichen Demütigung mal ganz abgesehen. Ganze drei Jahre dauerte ihr Kampf um Rehabilitation an. Martínez Patiño wies dank wissenschaftlicher Unterstützung nach, dass sie unter einer kompletten Androgenresistenz leidet, d.h. ihr Körper kann das produzierte Testosteron gar nicht verwerten. Ihr angeblicher sportlicher Vorteil war somit sogar ein Nachteil, da ihr Testosterongehalt unter dem weiblichen Durchschnitt lag. 1989 durfte sie offiziell wieder an Wettkämpfen teilnehmen, verpasste die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona aber um eine Zehntelsekunde.

Der Fall Martínez Patiño löste nicht nur große Diskussionen aus, sondern führte 1988 letztendlich auch zur Abschaffung des Chromatin-Geschlechtstest durch die IAAF. Stattdessen mussten sich die Athletinnen nun wieder visuellen Untersuchungen unterziehen, bis 1992 schließlich flächendeckende  Geschlechtertests abgeschafft wurden. Als Hauptgrund gab die IAAF die immer strengeren Dopingkontrollen an, bei denen Athletinnen unter Aufsicht Urin abgeben müssen. Außerdem sei die Sportbekleidung mittlerweile so eng, dass sie keine Spekulationen mehr zuließe. Das IOC schlug dagegen einen anderen Weg ein. Vor der endgültigen Abschaffung jeglicher Geschlechtstests 1999 versuchte sich das IOC an einem neuen Verfahren, welches dem Chromatin-Test sehr ähnlich war, jedoch zu viele fehlerhafte Ergebnisse hervorbrachte. Nach mehr als dreißig Jahren, in denen nur höchstens zwei Fälle von echtem Geschlechtsbetrug bekannt wurden, waren die Olympischen Spiele 2000 in Sydney schließlich die Ersten ohne jegliche Geschlechtsüberprüfungen.

Doch wie ging es nach 2000 weiter? Im zweiten Teil dieser Mini-Serie beschäftigt sich Sport.Politik mit den neuesten Entwicklungen seit Semenyas Weltmeistertitel 2009 und dem Für und Wieder der Testosteron-Regel.

American Football: Hat die NFL ein Problem mit häuslicher Gewalt?

An diesem Wochenende starteten die NFL-Playoffs mit den Wildcardspielen. Während die Kansas City Chiefs erst später in das Geschehen eingreifen, haben sich die Washington Redskins noch nicht einmal für die Playoffs qualifiziert. Wieso die beiden Teams hier so im Fokus stehen? Sie und auch die NFL haben sich gegen Ende des letzten Jahres nicht gerade mit Ruhm bekleckert, als deren Spieler wegen häuslicher Gewalt auffällig wurden.

Eigentlich wähnte sich die NFL in dieser Saison zurück in der Erfolgsspur. Die Einschaltquoten erholten sich wieder, die Spiele sind so unterhaltsam wie lange nicht mehr und junge, aufstrebende Talente prägen das Bild der Liga. Diskussionen um Gehirnerschütterungen sowie den anhaltenden Hymnenprotest, welche noch das Geschehen der Vorsaison bestimmten, sind mittlerweile weitestgehend in den Hintergrund gerückt. Doch dann holten die Ereignisse um Kareem Hunt und Reuben Foster die NFL auf den Boden der Tatsachen zurück und zeigten eindrucksvoll, dass die NFL im Umgang mit häuslicher Gewalt durch ihre Spieler nichts dazugelernt hat.

Der Fall Kareem Hunt

Was war geschehen? Ende November veröffentlichte das US-amerikanische Klatschportal TMZ ein Video, das den Runningback der Kansas City Chiefs, Kareem Hunt, dabei zeigt, wie er eine neunzehnjährige Frau in einem Hotel in Cleveland körperlich angreift, sie schlägt und tritt. Die NFL suspendierte ihn prompt – er darf nun nicht mehr mit dem Team trainieren, erhält jedoch weiterhin sein Gehalt. Was wie eine handlungsschnelle und konsequente Reaktion auf Seiten der NFL aussah, entpuppte sich allerdings schnell als Finte. Der Vorfall ereignete sich nämlich schon im Februar 2018, seitdem hatten auch die NFL und die Kansas City Chiefs Kenntnis davon.

Und trotzdem passierte in den acht Monaten davor: nichts. Nachdem die Frau keine Anzeige erstattete, hielt es die NFL auch nicht für nötig, sich mit Kareem Hunt oder dem Opfer zu unterhalten. Stattdessen vertraute man auf die Aussage Hunts, die er gegenüber seiner Team-Verantwortlichen tätigte. Es sei keine Gewalt angewandt worden. Von der Existenz des Videos hätten sie bei der NFL übrigens auch nichts gewusst. Da kommt natürlich die Frage auf, wie TMZ es schaffte, an dieses Video zu gelangen, während die NFL und ihre gut bezahlten Ermittler im Dunkeln darüber blieben. Im Juni fiel Hunt abermals negativ auf, als er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung einem Mann ins Gesicht schlug. Auch hieraus entstanden für den NFL Rookie des Jahres 2017 keinerlei Konsequenzen.

Immer wieder Reuben Foster

Als wenn das Hunt-Debakel nicht schon schlimm genug für die NFL gewesen wäre, setzte der Fall Reuben Foster dem Ganzen nochmal die Krone auf. Der Linebacker wurde Ende November von seinem Team, den San Francisco 49ers, entlassen, nachdem er dieses Jahr bereits zweimal wegen häuslicher Gewalt verhaftet wurde – zuletzt im November dieses Jahres. So weit, so gut. Doch drei Tage später heuerten die Washington Redskins Foster an, was in den USA für einen veritablen Shitstorm sorgte. Da half auch die Aussage des hochrangigen Redskins-Funktionärs Doug Williams nicht, der versuchte, den Vorfall kleinzureden. Die Ereignisse um Foster seien im Vergleich zu den Vergehen einiger NFL-Funktionäre Kleinkram („small potatoes“).

Es war nicht das erste Mal, dass Reuben Foster auffällig wurde. 2017 musste er das Scouting Turnier der NFL verlassen, nachdem er gegenüber eines Krankenhausangestellten gewalttätig wurde. Darauf folgten ein verdächtiger Dopingtest sowie mehrere Anschuldigungen und Verhaftungen wegen häuslicher Gewalt. Zu Beginn der Saison sperrte ihn die NFL schließlich für zwei Spiele, jedoch nicht wegen seiner Gewaltausbrüche gegenüber Frauen, sondern aufgrund von Waffen- und Cannabisbesitzes.

Die NFL nach Ray Rice

Insbesondere die Vorkommnisse um Kareem Hunt erinnern sehr an den Fall Ray Rice, der 2014 für Schlagzeilen sorgte und den die NFL am liebsten aus ihrem Gedächtnis löschen würde. Die Parallelen sind beeindruckend: wie bei Hunt veröffentlichte TMZ im September 2014 ein Video, in dem Rice seine damalige Freundin und heutige Ehefrau Janay Palmer in einem Aufzug bewusstlos schlägt und anschließend über den Boden schleift. Dieser Angriff ereignete sich allerdings bereits im März 2014. Dazwischen lagen also sechs Monate, in denen Ray Rice seinem normalen Leben nachgehen konnte, obwohl die NFL und sein Team, die Baltimore Ravens, von Beginn an Bescheid wussten.

Der öffentliche Aufschrei war so groß, dass sich die NFL gezwungen sah, Konsequenzen zu ziehen. So etwas solle nie mehr geschehen, verkündete damals NFL-Chef Roger Goodell. Um seinen Worten Ausdruck zu verleihen, engagierte er den ehemaligen FBI-Direktor und heutigen Sonderermittler Robert Mueller, der seine Empfehlungen abgeben sollte. Das Ergebnis war die Aufrüstung der hausinternen Ermittler und die Aktualisierung der Player Conduct Policy sowie deren Ergänzung um die Domestic Violence Policy. Die neuen Richtlinien sehen nun für ein Erstvergehen sechs Spiele Sperre ohne Bezahlung vor. Auf das Zweitvergehen folgt eine Sperre auf unbestimmte Zeit, deren Aufhebung erst nach frühestens einem Jahr beantragt werden kann.

Seitdem sperrte die NFL eine Reihe von Spielern wegen Verstößen gegen die Domestic Violence Policy, darunter sind Namen wie Ben Roethlisberger, Adrian Peterson oder Josh Brown. Überhaupt gab es seit Februar 2014 insgesamt 26 Vorfälle häuslicher Gewalt, bei denen Spieler verhaftet wurden. Allein beim NFL Draft 2017 standen mindestens sechs Spieler zur Auswahl, die schon einmal der sexuellen oder häuslichen Gewalt beschuldigt wurden. Die Zahl derer, die bis heute mit einer 6-Spiele-Sperre belegt wurden, hält sich jedoch in Grenzen.

Gewalt gegen Frauen traditionell ein Problem in der NFL

Gewalt gegen Frauen durch Spieler der NFL hat seit jeher Tradition und ist keineswegs eine neue Entwicklung. Man denke da nur an NFL-Legende Jim Brown, Super Bowl Champion 1964 und Mitglied der Hall of Fame. Er wurde alleine fünfmal beschuldigt, Frauen tätlich angegriffen zu haben, zuletzt im Alter von 66 Jahren 2002. Vor zwei Monaten wurde Wide Receiver Rae Carruth von den Carolina Panthers aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er 1999 den Mord an seiner hochschwangeren Freundin Cherica Adams in Auftrag gab. Carruth war der erste aktive Spieler der NFL, der wegen Mordes verurteilt wurde. Nicht mehr aktiv war dagegen O.J. Simpson, als er im Juni 1994 wegen des Mordes an seiner Ex-Frau Nicole Brown Simpson und deren Bekannten Ron Goldman angeklagt wurde.

Der O.J. Simpson-Fall sowie die Tatsache, dass zwischen 1989 und 1994 alleine 56 ehemalige und aktive Spieler wegen Angriffe auf Frauen auffällig wurden, sorgte für ein leises Umdenken bei der NFL. 1997 führte der damalige NFL-Chef Paul Tagliabue die Violent Crime Policy ein, welche im Jahr 2000 zum Vorläufer der heutigen Player Conduct Policy überarbeitet wurde. Diese besagte allerdings, dass Spieler erst nach einer gerichtlichen Verurteilung diszipliniert werden können. Der aktuelle NFL-Chef Roger Goodell änderte diesen Passus 2007, seitdem können Fälle gesondert und unabhängig von der Justiz betrachtet werden. Diese Maßnahmen änderten trotz alledem nichts an der Tatsache, dass laut fivethirtyeight.com zwischen 2000 und 2014 83 Verhaftungen wegen häuslicher Gewalt vorgenommen wurden, jedoch kaum einer deswegen sanktioniert wurde.

Wie ist es wirklich?

Doch wieso hat ausgerechnet die NFL solch ein großes Problem mit der Gewalt an Frauen? Oder täuscht der Eindruck nur, weil die (US-)Presse nun vermehrt darüber berichtet? Die Webseite arrestnation.com verzeichnet für das Jahr 2017 im Pro Football jedenfalls 49 allgemeine Vorfälle, bei denen Spieler zumindest verhaftet oder einem Richter vorgeführt wurden, im College Football liegt die Zahl sogar bei 230. Für dieses Jahr wurden 50 Fälle im Pro Football und 137 im College Football gezählt. Dies mag sich jetzt nach viel anhören, statistisch gesehen werden NFL-Spieler im Vergleich aber seltener verhaftet als die durchschnittliche US-Bevölkerung in ihrer Alters- und Geschlechtsgruppe. Auch die Zahl der Verhaftungen wegen häuslicher Gewalt bewegt sich unter dem nationalen US-Durchschnitt. Betrachtet man jedoch die Einkommensgruppe, der NFL-Spieler angehören, ist die Zahl der Verhaftungen wiederum überdurchschnittlich hoch.

Wie die Webseite fivethirtyeight.com für den Zeitraum 2000 bis 2014 statistisch berechnete, geschehen die meisten Verhaftungen in den USA in Folge von Trunkenheit am Steuer („DUI“) und Drogenvergehen. DUIs stellen auch das größte Problem für NFL-Spieler dar, mit einigem Abstand folgen dann aber tätliche Angriffe, die nicht in Relation zu häuslicher oder sexueller Gewalt stehen. Nimmt man allerdings nur die Kategorie der tätlichen Angriffe (inkl. häuslicher und sexueller Gewalt), liegt der Anteil für Verhaftungen wegen häuslicher Gewalt bei circa 48 Prozent – im Vergleich sind es circa 21 Prozent im US-Durchschnitt. Es sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die NBA laut der Webseite vocativ.com der NFL bei der Zahl der Verhaftungen (2010 – 2014) in nichts nachsteht.

Die Macho-Kultur im American Football

Das Problem scheint also größer zu sein als gedacht. Doch wieso ist das so? Einige Experten sehen die Gründe für das aggressive Verhalten von Spielern jenseits des Spielfelds in der gewalttätigen Natur des American Football, welches von brutalen Zusammenstößen und Tackles sowie schweren Verletzungen geprägt ist. Dabei ist die heutige Variante im Vergleich zu damals harmlos. Als das erste offizielle Spiel der Football-Geschichte 1869 zwischen den beiden College-Mannschaften Rutgers und Princeton ausgetragen wurde, galten noch ganz andere Regeln. So existierten weder die derzeitigen Regeln zum Schutz der Spieler noch mussten diese eine Schutzausrüstung tragen. Dies führte dazu, dass 1905 18 Spieler an den Folgen von Verletzungen starben, was den damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt auf den Plan rief. Er drohte mit dem Verbot von American Football, sollten nicht die Regeln geändert bzw. entschärft werden. So entwickelte sich American Football nach und nach zu dem Spiel, welches heute die Nummer Eins Sportart in den USA ist.

In einem sehr jungen Alter lernen Football-Spieler bereits, dass von ihnen eine gewisse Brutalität auf dem Platz gefordert wird und diese eine Grundvoraussetzung für Erfolg ist, für harte Tackles werden sie gelobt und verehrt. Es scheint ihnen anschließend schwer zu fallen, dieses aggressive Verhalten im Privatleben hinter sich zu lassen. Eine gewisse Macho-Kultur im Sport, inklusive sexistischem Lockerroom Talk, tut sein Übriges. Es wird desto schwieriger, je erfolgreicher die Spieler werden. Dazu trägt sicherlich auch das Verhalten vieler Trainer, Funktionäre und auch Eltern bei, die über jegliches Fehlverhalten ihrer Schützlinge hinwegsehen und die schützende Hand über sie legen. Solange sie der Highschool, dem College oder dem NFL-Team Erfolg bringen, können sich diese Spieler jegliche Fehltritte leisten. Dies ist jedoch ein allgemeines Phänomen, welches auch andere Sportarten wie Basketball, Eishockey und Baseball betrifft.

Spätfolgen des American Footballs

Welche gravierenden Auswirkungen vor allem Kopfverletzungen auf das Verhalten von Footballspielern haben können, zeigen die Studien und Berichte über die chronisch-traumatische Enzephalopathie, kurz: CTE. Erste Symptome dieser neurodegenerativen Erkrankung des Gehirns treten im Durchschnitt acht Jahre nach der ersten Kopfverletzung auf. Kopfschmerzen sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen sind erste Anzeichen, es folgen unter anderem Depressionen, Gedächtnisverlust, Aggressivität, ein Verlust der Impulskontrolle, Persönlichkeits- und Verhaltensveränderungen sowie ein erhöhtes Selbstmordrisiko, am Ende leidet der Patient an einer ausgeprägten Demenz. Oftmals gehen diese Symptome mit Drogen- oder Alkoholproblemen einher, außerdem geraten Betroffene oftmals in Konflikt mit dem Gesetz.

Vor allem in den letzten zehn Jahren schockierte eine Reihe von tragischen Fällen die US-amerikanische Öffentlichkeit. Da wären zum Beispiel die Selbstmorde von Super Bowl-Champion Dave Duerson (50 Jahre), Ray Easterling (62 Jahre), Andre Waters (44 Jahre) und Junior Seau (43 Jahre). Besonders bestürzt reagierten Fans und ehemalige Mitspieler jedoch auf den Tod von Mike Webster. Der vierfache Super Bowl-Champion lebte jahrelang auf der Straße, war medikamentenabhängig und starb 2002 50-jährig an einem Herzinfarkt. Webster war der erste Spieler, bei dem CTE diagnostiziert wurde. Die letzten Jahre seines Lebens und der Kampf seiner Familie mit der NFL um Anerkennung der Schuld wurden 2015 in dem Film „Concussions“ mit Will Smith in der Hauptrolle thematisiert.

Doch nicht nur die Betroffenen selbst leiden unter den Folgen von CTE, auch deren enge Angehörige und Freunde werden in Mitleidenschaft gezogen – manchmal mit tödlichen Folgen. So erschoss Jovan Belcher von den Kansas City Chiefs 2012 erst seine Freundin Kasandra Perkins, die Mutter seiner dreijährigen Tochter, um dann zum Trainingsgelände der Chiefs zu fahren und dort in Anwesenheit des Managers sowie Team-Besitzers Selbstmord zu begehen. Belcher war erst 25 Jahre alt und spielte noch aktiv American Football. Chris Benoit, ein sehr angesehener Wrestler aus Kanada, tötete 2007 innerhalb von drei Tagen zuerst seine Ehefrau Nancy, dann den gemeinsamen Sohn Daniel und schließlich sich selbst. Aaron Hernandez wurde 2015 wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt und erhängte sich zwei Jahre später in seiner Gefängniszelle.

CTE als Grund für Gewaltausbrüche?

Was all diese Fälle gemeinsam haben? Bei jedem dieser Männer wurde posthum CTE festgestellt, und zwar teilweise in solch einem Ausmaß, dass sogar die erfahrensten Mediziner erschrocken waren. Dr. Ann McKee, Direktorin des Boston University CTE Centers, war eine von ihnen. Sie untersuchte das Gehirn von Aaron Hernandez und fand Schockierendes heraus: die Schäden an seinem Gehirn entsprachen eher einem 46-Jährigen. Aaron Hernandez war zum Zeitpunkt seines Todes jedoch erst 27 Jahre alt. Dieser und einige andere Fälle belegen aber auch sehr gut, dass nicht nur alternde, bereits zurückgetretene Profis jenseits der 40 von CTE betroffen sind, sondern auch junge, noch aktive Spieler.

Das bestätigt auch eine Studie von Dr. McKee, über die die New York Times 2017 berichtete. Sie untersuchte die Gehirne von 111 NFL-Spielern, in 110 von ihnen fand man Spuren von CTE. Die Altersspanne lag hier bei 23 bis 89 Jahren. Eine weitere Studie der Boston University von 2013 erforschte, in welchem Zusammenhang Gewalttätigkeit und CTE stehen. Herauskam, dass von 33 Betroffenen über die Hälfte zu Lebzeiten gewalttätig wurden. Dennoch können und wollen Mediziner keinen direkten Zusammenhang zwischen CTE und (häuslicher) Gewalt herstellen. Dr. McKee äußerte sich in einem TIME-Artikel wie folgt:

„Wir können uns nicht das Krankheitsbild anschauen und daraus das Verhalten ableiten. Doch wir können allgemein sagen, bezüglich unserer gesammelten Erfahrung, dass Personen mit CTE, vor allem CTE mit diesem Schweregrad (bezogen auf Hernandez, Anm. d. Red.) Probleme mit der Impulskontrolle, dem Treffen von Entscheidungen, der Unterdrückung von aggressiven Regungen, emotionalen Stimmungsschwankungen und zornigen Verhalten haben.“

Um es nochmal klarzustellen: Nicht jeder Footballspieler erkrankt an CTE. Genauso wie nicht jeder CTE-Betroffene gewalttätig oder kriminell werden muss. Jedoch ist die Gefahr, dass Footballspieler, die an CTE leiden, sich oder ihren engsten Mitmenschen etwas antun, nun einmal erhöht.

Was kann die NFL tun?

Zuerst einmal muss die NFL dafür sorgen, dass sie ihre Spieler vor Kopfverletzungen schützt. Ein erster Schritt in diese Richtung war die Einführung des Concussion Protocol, welches sicherstellen soll, dass Spieler mit einer Kopfverletzung nicht so schnell auf das Spielfeld zurückkehren können. Werden diese Maßnahmen nicht eingehalten, müssen die Teams mit hohen Geldstrafen rechnen. Die NFL aktualisierte vor dieser Saison ebenso die Helm-Regel, welche es jetzt verbietet, mit dem Kopf voran in einen Gegenspieler zu rennen. Dies soll Kopfverletzungen verhindern, Teams sowie Spieler sind jedoch alles andere als begeistert, da so die beim Publikum so beliebten Tackles weniger werden. Dass die NFL nun diese Maßnahmen ergreift, hat sicherlich mit der Erkenntnis zu tun, dass die Diskussionen um CTE und Sportlern, die nach ihrer Karriere drogenabhängig und gewalttätig werden, einen immensen Imageschaden nach sich ziehen. Es sollte deshalb nicht unerwähnt bleiben, dass es Jahre gedauert hat, bis die NFL 2016 öffentlich eine Verbindung zwischen American Football und CTE einräumte. Mittlerweile stellt die NFL Spielern, die unter den Spätfolgen von Kopfverletzungen leiden, einen Fond von einer Milliarde US-Dollar zur Verfügung.

Härtere Sperren für häusliche und sexuelle Gewalt

Außerdem sollten Spieler, die nachweislich der häuslichen Gewalt überführt werden, härter sanktioniert werden als Spieler, die Luft aus einem Spielball herauslassen – siehe Tom Bradys 4-Spiele-Sperre aufgrund des Deflategate. Oftmals fehlt einfach die Verhältnismäßigkeit. Das mag auch daran liegen, dass einzig und allein NFL-Chef Roger Goodell über die Spieler richtet. Er entscheidet, ob Fälle verfolgt werden, über die Höhe der Sperre und im Falle eines Einspruchs, ob ihm stattgegeben oder ob er abgelehnt wird. Goodells Status als Alleinherrscher wird von vielen Teams, Spielern und auch Medien kritisch gesehen, da sie Goodell fehlende Objektivität und Willkürlichkeit vorwerfen.

Tatsächlich sind die Entscheidungen Goodells selten einheitlich. Die Spieler hätten es jedoch selbst in der Hand, ein Zeichen dafür zu setzen, dass häusliche Gewalt in ihrer Liga keinen Platz hat. So könnten sie zum Beispiel Teile ihres Tarifvertrages mit der NFL neu verhandeln und somit einheitliche, strengere Strafen bezüglich häuslicher Gewalt festlegen. Dies ist bereits mit Vergehen wegen Dopings und DUIs geschehen. Auf diese Art und Weise könnten sie gleichzeitig die Macht Goodells einschränken. Die NFL-Teams könnten jedoch genauso ihre Machtposition ausnutzen und frühere Vergehen bzw. Beschuldigungen bei ihrer Draft-Entscheidung berücksichtigen. Überdies könnten NFL-Teams auf die Verpflichtung von Profis verzichten, die gerade von anderen Teams wegen solcher Vergehen suspendiert wurden.

Die NFL sollte sich ferner ein Beispiel an der AFL, der Australian Rules Football-Liga, nehmen, die nach mehreren Vorfällen häuslicher Gewalt 2004 Pflichtkurse für ihre Spieler einführte. Einmal im Jahr müssen die AFL-Profis Seminare zur Prävention von häuslicher und sexueller Gewalt besuchen. Wird ein NFL-Spieler erstmal wegen häuslicher Gewalt gesperrt, sollte überdies eine Therapie bzw. ein Anti-Aggressionstraining obligatorisch sein.

Hilfefonds der NFL für Opfer häuslicher Gewalt

Vergehen wegen häuslicher Gewalt bleiben trotzdem oft unentdeckt, die Dunkelziffer ist sehr hoch. Die Opfer haben häufig sehr große Angst vor den Konsequenzen, sollten sie eine Anzeige erstatten oder an die Öffentlichkeit gehen. So fürchten sie, dass man ihnen keinen Glauben schenkt oder erst gar keine Ermittlungen eingeleitet werden. Kommen die Täter auch noch aus einem Sportumfeld, sind diese Ängste gar nicht so unbegründet. Die Polizei scheint berühmten Athleten gegenüber wohlgesonnener – manchmal auch Dank des Eingreifens des jeweiligen NFL-Teams. Kommt es dann doch zu einem Prozess, werden Sportler im US-Durchschnitt seltener verurteilt. Des Weiteren sind die Spielerfrauen meist finanziell anhängig von ihren Ehemännern, so dass die Angst vor einem sozialen Abstieg viele von einer Anzeige abhält. Hier könnte die NFL einen Fonds einrichten, der die Spielerfrauen finanziell unterstützt und sie professionell begleitet, sollten sie den Weg einer Anzeige und anschließenden Prozesses gehen wollen.

Mit der Umsetzung all dieser Maßnahmen würde die NFL zeigen, dass sie das durchaus existierende Problem der (häuslichen) Gewalt im American Football anerkennt. Und gleichzeitig auch die Verantwortung für die Spätfolgen eines Sports übernimmt, der sowohl die Spieler als auch die engsten Angehörigen oftmals als Opfer zurücklässt. Immerhin verdient die NFL jährlich über 14 Milliarden US-Dollar mit ihrem Schicksal.

News, News, News!

Diese Woche war auf und neben dem Sportplatz ganz schön viel los. Deshalb hier die News aus der Welt des Sports.

Handball: Deutsche Frauen erreichen Hauptrunde

25 Jahre ist es her, dass Deutschlands Handballdamen den letzten großen internationalen Titel gewinnen konnten – 1993 wurden sie Weltmeisterinnen. Mit dem gestrigen Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Tschechien (30:28) bewahrte sich die deutsche Nationalmannschaft die Chance auf den EM-Titel, um den es gerade in Frankreich geht. Nach dem furiosen Auftakt, als die deutsche Mannschaft direkt im ersten Spiel den Topfavoriten und siebenmaligen Europameister Norwegen besiegte, ist das Mindestziel Hauptrunde nun also geschafft. Dort warten neben Norwegen Nationen wie Spanien, die Niederlande und Ungarn.

Den deutschen Spielerinnen gelang es nun, zum vierten Mal in Folge die Hauptrunde einer Europameisterschaft zu erreichen. Die Mannschaft um Bundestrainer Henk Groener versucht außerdem, die Enttäuschung bei der Heim-WM letztes Jahr vergessen zu machen, als sie den 12. Platz belegten. Dies wird allerdings nicht sehr einfach, da sich die Mannschaft aufgrund diverser Rücktritte nach der WM auf junge Führungsspielerinnen verlassen muss.

EUROSPORT überträgt die Spiele der Handball-EM im Free-TV, das erste Spiel der Hauptrunde findet am Freitag (07.12.) um 18 Uhr gegen Spanien statt.

Turnen: US-Verband meldet Insolvenz an

Der US-Turnverband gab gestern auf seiner Internetseite bekannt, dass dieser Insolvenz anmelden musste. Der Schritt sei nötig gewesen, um weiterhin in der Lage zu sein, die US-TurnerInnen bestmöglich zu unterstützen und das Tagesgeschäft weiterzuführen. Außerdem könne man nur so den Schadensersatzansprüchen der Nassar-Überlebenden gerecht werden.

„Wir schulden es den Opfern ihre Ansprüche aufgrund der schrecklichen Taten der Vergangenheit vollständig und endgültig zum Abschluss zu bringen. […] Unser Sport ist dank des Mutes dieser Frauen sicherer und stärker. Der Insolvenzantrag und die beschleunigte Abwicklung dieser Ansprüche sind die ersten wichtigen Schritte, um das Vertrauen der Gemeinschaft zurückzugewinnen.“ (Kathryn Carson – Vorstandsvorsitzende US Gymnastics)

Der Insolvenzantrag von US Gymnastics ist nur eine weitere Konsequenz aus dem Larry Nassar-Missbrauchsskandal, nachdem das Nationale Olympische Komitee der USA bereits Schritte einleitete, dem US-Turnverband den Status als Dachorganisation abzuerkennen.

Feldhockey: WM in Indien

Derzeit findet im indischen Bhubaneswar die 14. Feldhockey-Weltmeisterschaft der Herren statt. Die deutsche Mannschaft setzte gestern schon ein erstes Ausrufezeichen, als sie die Niederlande, eine der Top-Favoriten, im zweiten Gruppenspiel mit 4:1 schlug. Davor gewann sie bereits gegen Rekord-Weltmeister Pakistan. Im dritten und letzten Gruppenspiel am Sonntag (09.12.,12:30 Uhr) wartet die Mannschaft aus Malaysia auf Deutschland. Trotz Platz sechs in der Weltrangliste gehört Deutschland zu den Titel-Favoriten – immerhin machten Deutschland, Australien und die Niederlande in den letzten zwanzig Jahren den Titel unter sich aus.

Eine Premiere feiert der neue Turniermodus, denn erstmals nehmen 16 Mannschaften an den Weltmeisterschaften teil. Im Gegensatz zu früher, als noch Platzierungsspiele über den Titel entschieden, werden die Mannschaften nun in vier Gruppen eingeteilt. Der jeweilige Erstplatzierte qualifiziert sich direkt für das Viertelfinale, die Zweit- und Drittplatzierten müssen in die sogenannten Überkreuzspiele (oder auch Achtelfinals). Der neue Modus soll für mehr Spannung von Beginn an sorgen.

DAZN überträgt alle Spiele live, im deutschen Free-TV sind die Spiele leider nicht zu sehen.

Leichtathletik: Russland bleibt gesperrt – neuer CEO bei IAAF – WM 2023 in Budapest

Das IAAF Council Meeting Anfang dieser Woche in Monaco war alles andere als ereignisarm. Der Beschluss, der wohl für die meisten Schlagzeilen sorgte, war die Aufrechterhaltung der Suspendierung Russlands. Der russische Leichtathletikverband RusAF erfülle nicht die Bedingungen, die die IAAF für eine Wiederaufnahme gestellt hat. Dazu gehört u.a. der Zugang zur Datenbank des Anti-Doping-Labors in Russland. Mit dieser Entscheidung stellt sich die IAAF gegen die Welt-Doping-Agentur WADA sowie das IOC, die die Suspendierung Russlands schon längst wieder aufgehoben haben. Für die russischen Athletinnen und Athleten bedeutet dies, zumindest bei der Hallen-EM nächstes Jahr in Glasgow als neutrale AthletInnen antreten zu müssen.

Außerdem fand ein Führungswechsel bei der IAAF statt. Der ehemalige britische Hürdensprinter Jon Ridgeon wird ab März 2019 Olivier Gers als CEO der IAAF ersetzen. Bislang war dieser bei CSM Sport and Entertainment tätig, dessen Vorstandsvorsitzender IAAF-Präsident Sebastian Coe ist. Der Franzose Olivier Gers gab den Posten bereits nach 18 Monaten wieder auf, da er nicht mit der zukünftigen kommerziellen Ausrichtung des Weltverbandes einverstanden war.

Des Weiteren wurde Budapest als Ausrichter der Leichtathletik-WM 2023 bekannt gegeben. Sie waren die einzigen Bewerber und wurden von Sebastian Coe favorisiert. 2019 findet die WM in Doha (Katar) statt, 2021 in „Tracktown“ Eugene (USA). Bei der jährlichen Jahresabschluss-Gala der IAAF wurde zudem die Dreispringerin Catherine Ibarguen zur Leichtathletin des Jahres und der Marathon-Weltrekordler Eliud Kipchoge zum Leichtathleten des Jahres ausgezeichnet.

Doping: Ines Geipel tritt zurück

Ein Paukenschlag am Dienstag: Ines Geipel tritt von ihrem Posten als Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins zurück. Der Verein wurde 1999 gegründet und unterstützt seither die Opfer des DDR-Dopings. Nachfolger Geipels soll Rechtsanwalt Dr. Michael Lehner werden, einer der Gründungsmitglieder des Vereins. Grund für den Rücktritt sind die Turbulenzen der letzten Wochen. Es wurden Vorwürfe laut, dass Gutachten sowie die Opferzahlen geschönt worden wären. Auch der Führungsstil von Geipel wurde kritisiert. Um wieder Ruhe in den Verein zu bringen, zieht sich Geipel nun als Vorsitzende zurück. Dabei gab es erst vor zwei Wochen Grund zur Freude, als der Dopingopfer-Hilfefonds auf 13,65 Millionen Euro aufgestockt und die Antragsfrist auf den 31.12.2019 verlängert wurde.

Fußball: Missbrauchsvorwürfe gegen afghanischen Verband

Die FIFA hat Ermittlungen gegen den afghanischen Fußballverband AFF eingeleitet und reagiert somit auf Vorwürfe, dass Verbandsvertreter Nationalspielerinnen der afghanischen Mannschaft sexuell missbraucht und körperlich misshandelt haben sollen. Diese Vorwürfe betreffen auch den Präsidenten des Verbandes, Keramuddin Keram. Der AFF bestreitet diese Anschuldigungen vehement. Der Sponsor der afghanischen Nationalmannschaft zog dennoch schon erste Konsequenzen: Sportartikelhersteller Hummel stellte sein Engagement vorerst ein und forderte den Rücktritt von Keram.

Aufsehen erregten auch die Knebelverträge, die die Nationalspielerinnen Afghanistans unterschreiben sollten. Nationalspielerin Mina Ahmadi veröffentlichte einen Auszug eines solchen Vertrages bei Facebook. Aus dem geht hervor, dass die Spielerinnen bei allen öffentlichen Auftritten einen Hijab tragen müssen, außerdem wird ihnen der Kontakt zur Presse untersagt, solange dieser nicht vom Verband genehmigt ist. Die Kapitänin der Nationalmannschaft, Shabnam Mobarez‏, verweigerte ebenfalls ihre Unterschrift, da der Vertrag keine Regelung zur Bezahlung beinhaltete und ihr untersagte, Sponsoren außerhalb der Nationalmannschaft zu akquirieren. Seitdem wurden sie und einige andere Spielerinnen nicht mehr in die Nationalmannschaft berufen.

https://twitter.com/shabnammobarez/status/1064650291428102144

Boxen: Markus Beyer gestorben

Eine traurige Nachricht zu Beginn der Woche: Ex-Boxweltmeister Markus Beyer erlag am Montag (03.12.) im Alter von nur 47 Jahren einer Krebserkrankung. Beyer begann seine Karriere unter der Führung von Trainer Ulli Wegner in der DDR bei der SG Wismut Gera. 1988 wurde er Junioren-Europameister, 1992 sowie 1996 nahm er an den Olympischen Spielen teil. Nachdem er 1996 ins Profilager wechselte, gelang ihm das Kunststück, den WM-Titel im Supermittelgewicht dreimal zu gewinnen. 2008 musste er seine Karriere verletzungsbedingt beenden.

Fußball: EM 2021 in England

Am Montag gab die UEFA bekannt, dass die Fußball-EM der Frauen 2021 in England stattfinden wird. Das Mutterland des Frauenfußballs war allerdings der einzige Bewerber. Das Finale wird im Londoner Wembley Stadium ausgetragen, welches Platz für 90.000 Zuschauer hat. Andere Ausrichtungsorte sind Manchester, Sheffield, Southampton und Brighton.

Der Zuschlag für die EM 2021 bestätigt den englischen Verband in seinen Bemühungen der letzten Jahre, den Frauenfußball vermehrt zu fördern. So investierte die FA erst im Januar dieses Jahres 56 Millionen Euro für die nächsten sechs Jahre, die vor allem dem Nachwuchs zu Gute kommen sollen. Dass diese Maßnahmen Erfolg bringen, zeigt das gute Abschneiden der englischen Nationalmannschaft bei der EM 2017, als sie sich erst im Halbfinale den Niederlanden geschlagen geben musste. Auch die FA Women’s Super League erfreut sich immer größerer Beliebtheit sowohl bei Spielerinnen als auch bei Zuschauern.

Frauenfußball: Let’s Get Loud!

Im Vergleich zu den Herren, die ihre erste Weltmeisterschaft bereits 1930 ausspielen durften, ist das Turnier der Damen eine noch relativ junge Veranstaltung. Ihre WM-Premiere feierten sie erst 1991, dabei spielten Frauen zu diesem Zeitpunkt schon seit fast einem Jahrhundert Fußball.

Gewöhnlich gilt ja England als Mutterland des Herrenfußballs, doch auch der Frauenfußball hat dort seinen Ursprung. Zum Ende des 19. Jahrhunderts hin gründeten sich dort die ersten Damen-Mannschaften. Am berühmtesten waren die von Nettie Honeyball angeführten „British Ladies“, deren Spiele damals bis zu 10.000 Zuschauer ins Stadion lockten. Dem englischen Verband passte diese Begeisterung jedoch so gar nicht, so dass es männlichen Mannschaften ab 1902 verboten war, gegen Frauenmannschaften anzutreten. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erfuhr der Frauenfußball jedoch einen regelrechten Aufschwung. Männer fehlten an allen Ecken und Enden, weshalb Frauen in gesellschaftliche Bereiche vorstoßen konnten, die vorher für sie tabu waren. Dazu gehörte neben der Erwerbstätigkeit auch der Fußball. Vor allem als Ablenkung im Arbeitsalltag beliebt, entstand eine Reihe von weiblichen Werksmannschaften. Eines dieser Teams, die „Dick Kerr’s Ladies“, galt sogar als inoffizielle Nationalmannschaft Englands.

Frauenfußball: unästhetisch, wesensfremd und unladylike

1921 war der englische Frauenfußball an seinem Höhepunkt angelangt. Fußballerinnen spielten in rund 150 reinen Frauenmannschaften und gründeten sogar die „English Ladies Football Association“. Dies konnte den überraschend schnellen Zerfall des organisierten Frauenfußballs in England allerdings auch nicht aufhalten. Essentielle Voraussetzungen wie die Erwerbstätigkeit von Frauen und die damit zusammenhängende Förderung durch Firmen sowie Spielmöglichkeiten verloren immer mehr an Bedeutung, so dass das Zuschauerinteresse und damit auch das Ansehen des Frauenfußballs sank. Noch im selben Jahr fasste der von Männern dominierte, englische Verband einen radikalen Entschluss: im Oktober 1921 wurde Frauenfußball in ganz England komplett verboten. Als Grund führte man unter anderem an, dass Fußball einfach nicht geeignet sei für Frauen. Er sei in seiner Art zu roh, Fußball spielende Frauen sähen zudem unästhetisch aus. Außerdem berge Fußball eine zu hohe Verletzungsgefahr.

In Deutschland blieb der Frauenfußballboom nach dem Ersten Weltkrieg aus. Erst im Jahr 1930 gründete sich in Frankfurt der erste „Damen-Fußball-Club“. Die Zeit des Nationalsozialismus im Deutschland der 1930er und 1940er Jahre führte jedoch dazu, dass Frauenfußball ein Schattendasein fristete. Fußball spielende Frauen passten nicht in das vorherrschende Rollenbild, welches sich auf das Bild der Frau als Mutter beschränkte. Der Triumph der deutschen Herren-Nationalmannschaft bei der WM 1954 sorgte zwar für einen kleinen Aufschwung des Frauenfußballs hierzulande, wurde aber wieder direkt durch den DFB gebremst. Diesmal war es der DFB, der ein Verbot des Frauenfußballs aussprach.

“Das Fußballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. […] Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. […] Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nicht-Treten weiblich!” (Fred J. J. Buytendijk, Anthropologe, in einer Studie von 1953)

Fußball sei für Frauen wesensfremd, führte der DFB als Begründung für ein Verbot an. Sie seien im Gegensatz zu den Männern charakterlich nicht geeignet für das Fußballspielen. Genauso wie die Engländer argumentierte der DFB auch mit der Gesundheitsgefährdung der Frau.

Widerstand gegen den DFB

Die Fußballerinnen in Deutschland wollten sich mit einem Verbot ihrer Lieblingssportart jedoch nicht abfinden, weshalb in den 1960er Jahren trotz allem eine Reihe von Vereinen und Verbänden gegründet wurden. Dies führte zu einer Aufhebung des Frauenfußball-Verbots im Oktober 1970 durch den DFB. Zwar durften jetzt alle Vereine wieder eine Frauen-Fußballabteilung haben und den Spielbetrieb aufnehmen. Dass der DFB die Fußballerinnen aber immer noch nicht ernst nahm beziehungsweise ihnen die „rohe“ Sportart Fußball nicht zutraute, zeigen die irrwitzigen Regeln, innerhalb derer Frauen-fußballspiele ausgerichtet werden mussten: eine Halbzeit betrug nur dreißig Minuten, die Spiele durften aber sowieso nur bei guten Wetter und niemals in den Wintermonaten ausgetragen werden. Außerdem waren Jugendbälle Pflicht. Anfänglich wollte der DFB auch noch einen Brustschutz durchsetzen, scheiterte aber am Widerstand der Spielerinnen. Stattdessen mussten die Fußballerinnen auf Stollenschuhe verzichten.

Emanzipation des Frauenfußballs weltweit

Trotz des ganzen Spotts und der blöden Sprüche, der auf die Fußballerinnen einprasselte, erfreute sich Fußball unter Frauen einer großen Beliebtheit. Diese Entwicklung konnte auch der DFB nicht mehr aufhalten, so dass 1974 der erste offizielle deutsche Meister im Frauenfußball gekürt wurde. Daraufhin folgte 1980 die Einführung des DFB-Pokals und ab 1990 die Bundesliga – damals noch zweigleisig. Das erste offizielle Länderspiel der Frauen fand schließlich 1982 gegen die Schweiz statt.

In den 1980er Jahren emanzipierte sich der Frauenfußball immer mehr, auch international. Es gründeten sich weltweit nicht nur die ersten nationalen Verbände und Ligen, es wurden auch die ersten internationalen Wettbewerbe veranstaltet. Hongkong war bereits 1975 Austragungsort der ersten Asienmeisterschaften, an denen sechs Nationen teilnahmen. 16 Mannschaften waren dagegen 1984 bei der ersten Europameisterschaft der Frauen dabei, die Schweden für sich entscheiden konnte. Bis 1991 konnten alle Kontinente der Welt eigene Turniere oder Ligen vorweisen. Nur eine Weltmeisterschaft fehlte noch.

Die erste Weltmeisterschaft und die Angst vor herausfallenden Eierstöcken

Die Befürworter einer eigenen Weltmeisterschaft für die Frauen wurden immer lauter und stießen bei FIFA-Präsident Joao Havelange sogar auf offene Ohren. Die FIFA wollte jedoch kein Risiko eingehen, weshalb sie zuerst ein Einladungsturnier, einen Testlauf sozusagen, ausrichten ließ. Das Turnier 1988 in China, an dem zwölf Mannschaften teilnahmen und aus dem Norwegen als Sieger hervorging, war zur Überraschung vieler ein voller Erfolg.

Als Ausrichter des „1st FIFA World Championship for Women’s Football for the M&M Cup“ – Schuld an diesem sperrigen Namen war der Süßigkeitenhersteller und Hauptsponsor Mars Inc. – wurde abermals China ausgewählt. Doch wieso fiel die Wahl wieder auf China? Das hatte zum einen den Grund, dass China in Sachen Frauenfußball sehr ambitioniert und tonangebend in Asien war. Ausschlaggebender mag jedoch die anstehende Olympia-Bewerbung für die Sommerspiele 2000 gewesen sein. Um das IOC zu beeindrucken, versprachen die Organisatoren hohe Zuschauerzahlen und eine dementsprechende Stimmung. Mit durchschnittlich 19.000 Zuschauern pro Spiel erfüllten sie jegliche an sich selbst gestellte Erwartungen, auch wenn ein großer Teil dieser „Fans“ FabrikarbeiterInnen waren.

Am 16.11.1991 war es nun endlich soweit: in Guangzhou fand das Eröffnungsspiel zwischen Norwegen und Gastgeber China vor rund 65.000 Zuschauern statt. Gespielt wurde zweimal 40 Minuten, was nicht bei allen Spielerinnen gut ankam. So kommentierte April Heinreichs, Kapitänin der US-Mannschaft:

„Sie hatten Angst, dass unsere Eierstöcke herausfallen würden, wenn wir 90 Minuten spielen.“

Die USA wurden dann auch die ersten Weltmeister in der Geschichte des Frauenfußballs, als sie sich im Finale vor ca. 65.000 Zuschauern gegen Norwegen durchsetzten. Der große Erfolg des „M&M Cups“ war übrigens ein erheblicher Grund für die Aufnahme von Frauenfußball in das Programm der Olympischen Sommerspiele 1996 in Atlanta – 88 Jahre nach den Männern. Die Weltmeisterschaft 1995 in Schweden, diesmal auch unter dem bis heute bekannten Titel „FIFA Women’s World Cup“, fungierte folgerichtig auch als Qualifikationsturnier für das Turnier in Atlanta.

„Let’s Get Loud“ in den USA

Während die Zuschauerzahlen aus diversen Gründen bei der WM 1995 rückläufig waren, stellte das Turnier 1999 in den USA einen Wendepunkt in der Geschichte der Frauen-Fußballweltmeisterschaften dar. Die Voraussetzungen für einen vollen Erfolg stimmten von Anfang an. Der Frauenfußball in den USA war nach dem Olympia-Triumph der US-Mannschaft in Atlanta auf dem Höhepunkt. Außerdem entschied man sich, die Spiele in Stadien zu verlegen, die mit einer Kapazität von bis zu 80.000 Zuschauern überdurchschnittlich waren im Vergleich zum letzten Austragungsort Schweden. Dieses Risiko zahlte sich aus. So viele Menschen wie nie zuvor schauten sich die Spiele im Stadion – im Durchschnitt 37.000 Zuschauer – und auch im Fernsehen an. Der Titelgewinn der USA war das perfekte Ende eines Finales, welches bis heute den Rekord für die höchsten Einschaltquoten eines Frauenfußballspiels hält. Die US-Spielerinnen wurden für eine ganze Generation junger Mädchen zu Vorbildern, athletische und starke Frauenkörper waren für einen kurzen Moment nicht mehr verpönt. Verewigt wurde diese Fußballparty außerdem im dem Musikvideo zu Jennifer Lopez‘ Welthit „Let’s Get Loud“.

Nach Deutschland 2003 und 2007 sowie Japan 2011 erkämpfte sich das US-Team 2015 den WM-Titel zurück. Das Finale zwischen den USA und Japan war das meistgesehene Fußballspiel in den USA und erreichte mit einer Quote von 23 Millionen sogar mehr Zuschauer als die damaligen NBA Finals sowie der Stanley Cup. Weltweit verfolgten 750 Millionen Menschen das Turnier vor ihren Fernsehern.

Kampf für mehr Gerechtigkeit

Die immer größer werdende Beliebtheit des Frauenfußballs ermutigte viele Spielerinnen, um mehr Geld, aber vor allem um mehr Anerkennung zu kämpfen. Dies wurde schon im Vorfeld der WM 2015 deutlich, als eine Reihe von internationalen Spielerinnen die Turnierleitung heftig dafür kritisierten, anstatt eines Rasenplatzes – wie bei den Männern üblich – einen Kunstrasenplatz einzusetzen. Sie erwägten sogar einen Boykott, die FIFA erwies sich jedoch als ein zu mächtiger Gegner. Doch vor allem die US-Spielerinnen gaben nicht auf und drohten nach der WM mit einem Streik, sollten sie nicht das gleiche bezahlt bekommen wie die Männer, deren bestes Ergebnis bisher das Halbfinale bei der WM 1930 war.

Ähnliche Bestrebungen sowie Streiks von Spielerinnen gab es auch in Dänemark, die deswegen sogar ein WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden ausfallen ließen. Die EM-Finalistinnen erreichten so eine Gehaltserhöhung um 60 Prozent, sobald sie sich für ein großes Turnier qualifizierten. Der norwegische Verband ging sogar noch einen Schritt weiter. Die Nationalmannschaften der Frauen und Männern erhalten nämlich seit diesem Jahr nicht nur die gleichen Prämien, mit Lise Klaveness wurde weltweit die erste Frau zur Chefin einer männlichen Nationalmannschaft berufen. Davon sind die Argentinierinnen leider weit entfernt. Sie kämpfen derzeit noch für gleichberechtigte Trainings- und Reisebedingungen, von einer gerechten Bezahlung mal ganz abgesehen. Und Deutschland? Die deutschen Damen hätten im Fall eines Titelgewinns 2015 65.000 Euro pro Spielerin bekommen, die Männer 2018 dagegen 350.000 Euro (2014: 300.000 Euro). Für den Titelgewinn bei der EM letztes Jahr hätte der DFB sogar nur 37.500 Euro an die Frauen gezahlt. Erst ab Erreichen des Halbfinals hätten sie überhaupt nur eine Prämie bekommen.

„Kampf“ der FIFA für den Frauenfußball

Doch wie hält es die FIFA mit dem Preisgeld? Hier ein paar Fakten: Während die Herren-Nationalmannschaft Frankreichs 38 Millionen US-Dollar für ihren WM-Titel dieses Jahr bekamen, zahlte die FIFA 2015 eine Prämie in Höhe von zwei Millionen US-Dollar an die US-Damen aus. Insgesamt verteilte die FIFA bei der WM 2018 Prämien in Höhe von 400 Millionen US-Dollar an alle Teams. Das heißt, jedes Team hatte nur für die Teilnahme eine Prämie von acht Millionen US-Dollar sicher.

Nach ihrer Council-Sitzung in Ruanda Anfang November verkündete Präsident Gianni Infantino jedoch stolz, dass die FIFA im Zuge ihrer neuen Frauenfußball-Strategie das Preisgeld für die kommende Weltmeisterschaft der Frauen 2019 in Frankreich deutlich erhöht hätte. Anstatt 15 Millionen US-Dollar wie bisher werde das Preisgeld verdoppelt. Nächstes Jahr werden nun also 30 Millionen US-Dollar ausgezahlt, erstmals auch an alle 24 teilnehmenden Mannschaften. Der zukünftige Weltmeister erhält dann also vier Millionen US-Dollar. Außerdem werden nun zum ersten Mal zusätzliche 20 Millionen US-Dollar für die Teams zur Verfügung gestellt, um die Vorbereitungs- sowie Reisekosten (11,5 Mio. US-Dollar) zu decken und die Clubs für die Abstellung ihrer Spielerinnen (8,5 Mio. US-Dollar) zu kompensieren. Allein für letzteren Zweck erhalten die Clubs bei den Männern 209 Millionen US-Dollar.

Die Spielervereinigung FIFPro hatte dagegen nicht so recht Lust, in die Lobhudelei für die FIFA mit einzusteigen. Ihrer Meinung nach vergrößere sich der Lohnunterschied sogar, da die FIFA das Preisgeld für die Männer für die WM 2022 auf 440 Millionen US-Dollar erhöhe. Spielervereinigungen aus Australien, den USA, Norwegen sowie Schweden und Neuseeland übten ebenfalls heftige Kritik. Der Einsatz der FIFA für den Frauenfußball sei halbherzig und reiche bei weitem nicht aus.

Die FIFA räumt den Damen-Teams nun auch Privilegien ein, die die Herren schon seit jeher genießen durften. So bezahlt die FIFA ab der WM 2019 zwar nun auch Business Class-Flüge für die Spielerinnen und BetreuerInnen, jedoch nur, wenn die Anreisezeit mehr als vier Stunden beträgt. Bei den Herren bekommen im Vergleich alle Mannschaften sowie bis zu 50 Personen des Betreuerpersonals die Business Class gesponsert. Egal, ob sie nur eine Stunde oder eine halbe Weltreise bis zum Austragungsort brauchen. Apropos Austragungsort, die Hotelunterbringung an Spieltagen wurde ebenfalls angepasst. War es bisher so, dass die gegnerischen Frauen-Teams am Vorabend der Partie im selben Hotel übernachten mussten, sieht das ab der WM 2019 anders aus. Von nun an werden sie, wie bei den Herren üblich, in verschiedenen Hotels untergebracht. All diese Änderungen, Preisgelderhöhungen und Anpassungen sind jedoch nichts wert, wenn kaum jemand weiß, dass nächstes Jahr überhaupt eine WM ausgetragen wird.

WM 2019? Welche WM 2019?

Die Weltmeisterschaft nächstes Jahr in Frankreich findet vom 07. Juni bis 07. Juli statt, doch möchte man diese und mehr Infos auf der Homepage der FIFA in Erfahrung bringen, muss man lange suchen. Nicht nur, dass die FIFA während der Herren-WM in Russland kaum Werbung für die WM 2019 betrieben hat, selbst auf deren FIFA.com-Startseite lassen sich auf den ersten Blick kaum Hinweise auf das Turnier finden. Unter dem Reiter „FIFA Fußball-WM“ wird noch auf die Seite der Herren-WM in Russland verlinkt. Bisher ist auch noch nicht geklärt, ob der Videobeweis nächstes Jahr zum Einsatz kommt oder nicht. Die FIFA deutete schon an, dass es wahrscheinlich nicht möglich sei, die Schiedsrichterinnen rechtzeitig bis zur WM nächstes Jahr zu schulen. Dieses Argument wollen viele Spielerinnen und TrainerInnen verständlicherweise nicht gelten lassen und würden das Weglassen des VAR als weitere Diskriminierung des Frauenfußballs begreifen.

Das Finale des Copa America und des Gold Cup finden übrigens auch am 07. Juli 2019, dem Tag des WM-Finales, statt. So viel zum Thema Wertschätzung durch die FIFA.

News, News, News!

Hier die aktuellen Nachrichten aus Sport und Politik. Mit dabei diesmal die Weltmeisterschaften im Gewichtheben und Schach, die Basketballerinnen der WNBA sowie Turnen und Doping.

Schach: Magnus Carlsen vs. Fabiano Caruana

Freitag begann die Schach-Weltmeisterschaft zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen und dem Herausforderer Fabiano Caruana in London. Seit 1990 ist es das erste Mal, dass die Nummer 1 und 2 der Weltrangliste aufeinander treffen. Caruana könnte Carlsen im Laufe der WM sogar einholen und erstmals die Nummer 1 der Welt werden. Beide trennen nur drei Punkte. Der SPIEGEL hat beide Kontrahenten ausführlich porträtiert. 

Basketball: WNBA-Spielerinnen wollen neu verhandeln

Die Spielerinnenvereinigung der US-amerikanischen Basketballliga WNBA hat bekannt gegeben, frühzeitig aus dem nach der Saison 2019 endenden CBA (Collective Bargaining Agreement) auszutreten. Dieser CBA bestimmt darüber, zu welchen Anteilen die Spielerinnen an den Erlösen der WNBA beteiligt werden. Denn während die WNBA als die beste Frauen-Basketballliga der Welt gilt, bekommen die Spielerinnen nur rund zwanzig Prozent der WNBA-Erlöse ausgezahlt. Zum Vergleich: in der NBA sind es rund fünfzig Prozent. Die Spielerinnen hoffen, so für höhere Gehälter sowie bessere Spiel- und Reisebedingungen kämpfen zu können.

Die WNBA ist noch eine relativ junge Liga, die erste Saison wurde 1997 ausgetragen. Wie in der NBA gibt es auch hier eine Gehaltsobergrenze, die aber nicht 110.000 US-Dollar überschreiten darf. Im Durchschnitt verdienen die Spielerinnen rund 71.000 US-Dollar. Dies ist auch der Grund, weshalb viele Spielerinnen in der Off-Season in den lukrativeren europäischen und asiatischen Ligen spielen. Auch hier im Vergleich zu der NBA: das Mindestgehalt eines NBA-Spielers beträgt circa 580.000 US-Dollar. Sogar die Schiedsrichter verdienen in der NBA mehr als die bestbezahlteste Spielerin der WNBA: 150.000 US-Dollar.

Gewichtheben: WM in Ashgabat in vollem Gange

Bis gestern maßen sich in Ashgabat / Turkmenistan die besten GewichtheberInnen der Welt. Nach neun Wettkampftagen führen die Chinesen wenig überraschend den Medaillenspiegel an. Zudem fielen bisher eine Reihe von Weltrekorden, was aber damit zu erklären ist, dass der IWF im Vorfeld die Gewichtsklassen neu einteilte und alle alten Weltrekorde annullieren ließ. Für Deutschland sind elf Athleten und Athletinnen am Start. Darunter auch der amtierende Europameister Nico Müller, der in neuen Gewichtsklasse bis 81 kg den siebten Platz belegte.

Mehr als 70 GewichtheberInnen wurden im Vorfeld jedoch von den Wettkämpfen ausgeschlossen, da sie ihre Aufenthaltsorte nicht korrekt in das ADAMS-System der WADA eintrugen. Einzige Ausnahme: vier Gewichtheber aus dem Gastland, die trotz ADAMS-Verfehlungen teilnehmen dürfen. Diese Entscheidung sorgte für Unruhe innerhalb des Weltverbandes IWF, da aufgrund der großen Dopingproblematik im Gewichtheben immer noch der Olympia-Ausschluss im Raum steht.

Apropos Doping, mit Saeid Mohammadpour (Iran), Siripuch Gulnoi (Thailand) und Denis Ulanov (Kasachstan) erhielten drei Athleten und Athletinnen nachträglich ihre Medaillen der Olympischen Spiele 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro. Überreicht wurden diese in gesonderten Medaillenzeremonien. Besonders der Fall Mohammadpour macht deutlich, wie groß das Thema Doping im Gewichtheben ist. Der Iraner belegte 2012 ursprünglich den fünften Platz in der 94kg-Gewichtsklasse und rückte auf den ersten Rang vor, nachdem sechs der ersten sieben Finalisten bei Nachtests des Dopings überführt wurden. Südkoreas Kim Min-jae, eigentlich damals Achter, bekam die Silbermedaille zugesprochen, während Tomasz Zieliński, momentan ebenfalls wegen Dopings gesperrt, die Bronzemedaille erhält.

Schwimmen: Dopingsperre für Filippo Magnini

Der vierfache Weltmeister Filippo Magnini wurde wegen versuchten Dopings für vier Jahre gesperrt. Er soll versucht haben, Dopingmittel beim Sportarzt Guido Porcellini zu erwerben. Magnini streitet dies allerdings ab und wird das Urteil anfechten. Die 1.200 Euro, die er ihm nachweislich überwiesen hatte, sollen nur für Trockenpilze bestimmt gewesen sein. Bei diesem Rechtstreit geht es jedoch vor allem um Magninis guten Ruf, denn er trat bereits Ende letzten Jahres vom Leistungssport zurück. Sein Staffelkollege Michele Santucci wurde für das gleiche Vergehen ebenfalls für vier Jahre aus dem Verkehr gezogen.

Turnen: Schwerwiegende Konsequenzen für US-Turnverband

Nach einer sehr erfolgreichen WM für die US-TurnerInnen nun der Paukenschlag am Montagabend. Dem US-Turnverband droht, den Status als Dachverband zu verlieren. Das veröffentlichte das Nationale Olympische Komitee der USA (kurz: USOC) in einem öffentlichen Brief. Dieser Schritt ist quasi gleichbedeutend mit der Auflösung des Verbandes, dessen Aufgaben dann in die Verantwortung des USOC fallen würden. Das USOC zieht damit die Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal um Larry Nassar und dessen schlechte Aufarbeitung durch USA Gymnastics. Es sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass auch das USOC aufgrund seiner Rolle im Nassar-Fall in scharfe Kritik geriet. Mehrere Turnerinnen geben nämlich an, die USOC-Führung schon vor Jahren vom Missbrauch durch den ehemaligen Mannschaftsarzt in Kenntnis gesetzt zu haben – ohne Erfolg.

Boxen: Bleibt Manuel Charr Weltmeister?

Eigentlich schien alles klar: Manuel Charr sollte wegen eines positiven Dopingtests der Weltmeistertitel im Schwergewicht aberkannt werden. Doch aufgrund von Verfahrensfehlern auf Seiten der VADA (Voluntary Anti-Doping Association) folgt nun wohl der Freispruch für Charr. Zwar fand man in dessen Dopingprobe vom August die Steroide Drostanolon und Epitrenbolon, Charr und seine Begleiter waren jedoch entgegen der Regularien nicht bei der Öffnung der B-Probe anwesend. Außerdem, so heißt es, war das Labor, das seine Probe kontrollierte, nicht offiziell akkreditiert.

News, News, News!

Hier die aktuellen Nachrichten aus Sport und Politik. Mit dabei diesmal die FIFA, Ringen sowie Turnen und vieles mehr.

Ringen: Der weltmeisterliche Frank Stäbler

Frank Stäbler 2012.

Noch bis Sonntag findet die Weltmeisterschaft im Ringen in Budapest statt. Gestern, am Freitagabend, schaffte der Deutsche Frank Stäbler dann Historisches: er wurde zum dritten Mal nach 2015 und 2017 Weltmeister. Und das in drei verschiedenen Gewichtsklassen. Dies ist vorher noch niemandem gelungen. Ansonsten sieht die Medaillenausbeute der deutschen Mannschaft bisher mau aus. Bis auf Frank Stäbler sind alle anderen Ringer früh ausgeschieden, darunter auch die Weltmeisterin von 2014, Aline Focken. Großes Aufsehen erregte außerdem das „Rematch oft he Century“, bei dem der Titelverteidiger in der 92kg-Klasse, Kyle Snyder aus den USA, auf den zweifachen Weltmeister und Olympiasieger Abdulrashid Sadulaev traf. Letzterer konnte seinen Weltmeistertitel zurück erobern, nachdem Snyder ihm nach einer fast dreijährigen Siegesserie letztes Jahr eine schmerzhafte Niederlage zufügte.

Fußball: die FIFA in Ruanda

Die letzten Tage fand das FIFA Council Meeting, bei dem die Mitglieder des höchsten Gremiums des Weltfußballverbands zusammenkommen, in Ruandas Hauptstadt Kigali statt. Im Mittelpunkt der Berichterstattung standen die Bemühungen von Präsident Gianni Infantino, diverse Wettbewerbe entweder zu reformieren oder sogar ganz neu einzuführen. Sollte ihm das gelingen, versprach eine Gruppe von bisher unbekannten Investoren eine Summe von rund 22 Milliarden Euro für genau diesen Zweck.

Gianni Infantino

Die UEFA ist von diesen Plänen allerdings alles andere als begeistert. Denn zum einen betrifft es die Nations League, ein Produkt der UEFA, die Infantino nun gerne weltweit alle zwei Jahre austragen möchte. Zum anderen möchte er die Klub-Weltmeisterschaft vom Winter in den Sommer verlegen und auf 24 Mannschaften aufstocken. Da die Meinungen dieses Thema betreffend aber so weit auseinander gehen, sagte man die Abstimmung darüber gestern ab. Stattdessen wurde eine Taskforce gegründet, die beim nächsten FIFA Council Meeting im März 2019 ihre Vorschläge vorstellen soll.

Des Weiteren beschloss die FIFA, die Prämien für die Frauenfußball-WM nächstes Jahr in Frankreich zu verdoppeln. Es werden nun rund insgesamt 26,3 Millionen Euro ausgezahlt, erstmals auch an alle 24 teilnehmenden Nationen. Zum Vergleich: die Herren-Nationalmannschaft Frankreichs bekam für ihren Weltmeistertitel 32,5 Millionen Euro. Dies beklagte auch die Spielervereinigung FIFPro. Es sei noch ein langer Weg zur Gleichberechtigung im Fußball.

Wieso traf sich die FIFA eigentlich in Ruanda? Infantino spekulierte hier wohl mit einer geringeren Zahl an JournalistInnen. Außerdem ist der Präsident Ruandas, Paul Kagame, ein großer Fußballfan. So wurde im Sommer dieses Jahres bekannt, dass Ruanda von nun an Trikotsponsor vom FC Arsenal ist. Die Rede soll hier von einem Betrag in Höhe von rund 34 Millionen Euro sein. Besonders brisant macht diesen Deal, dass sich Ruanda größtenteils von Entwicklungsgeldern finanziert. Ein weiterer Punkt ist, dass nächstes Jahr die Präsidentschaftswahlen anstehen und Infantino besonders auf die Stimmen der afrikanischen Verbände zählen muss.

Kunstturnen: das Comeback der Simone Biles

Simone Biles

Vor zwei Tagen begann auch die Turn-WM in der katarischen Hauptstadt Doha. Alle Augen werden da natürlich auf die US-Amerikanerin Simone Biles gerichtet sein, die ihr internationales Comeback nach fast zwei Jahren Pause gibt. Biles ist das prominenteste Opfer vom US-Teamarzt Larry Nassar, der Anfang des Jahres wegen sexuellen Missbrauchs in mehr als 300 Fällen zu mindestens 175 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Im Zuge des Missbrauchs-Skandals mussten auch mehrere hohe Offizielle des US-Sports ihren Hut nehmen. So wurde der ehemalige Geschäftsführer des US-Turnverbands letzte Woche verhaftet. Man wirft ihm Vertuschung und Verschleppung von Beweismitteln vor. Die unmittelbare Vorbereitung von Biles, die sich selbst als Überlebende bezeichnet, ist allerdings getrübt. Sie musste den Vorabend der Wettbewerbe wegen Nierensteine im Krankenhaus verbringen.

Die deutsche Mannschaft besteht aus jeweils sechs Athleten und Athletinnen, darunter Marcel Nguyen und Andreas Toba sowie Elisabeth Seitz und Kim Bui. Pauline Schäfer, Titelverteidigerin am Stufenbarren, verpasst die Wettkämpfe leider verletzungsbedingt. Eine Neuerung bringt die WM aber auch noch mit sich. Erstmals soll nämlich der Videobeweis zum Einsatz kommen. Waren bisher zwei Kampfrichter mit der Aufgabe betreut, den Schwierigkeitswert einer Übung zu ermitteln, übernimmt dies nun ein Computerprogramm.

Leider werden die Wettkämpfe nicht im deutschen Fernsehen übertragen, dafür aber auf sportschau.de und sportdeutschland.tv. Hier ist eine Übersicht.

Boxen: AIBA versinkt weiterhin im Chaos

Selbst die Drohung des Internationalen Olympischen Komitees, Boxen aus dem Programm der Spiele 2020 in Tokio zu nehmen, bringt keine Ruhe in den Box-Weltverband. Nachdem der langjährige Präsident Wu Ching-Kuo aus Taiwan wegen „Missmanagements“ lebenslang vom AIBA gesperrt wurde, steht bislang nur der Usbeke und bisherige Vize-Präsident Gafur Rachimow als Nachfolger zur Wahl. Einziges Problem: Rachimow wird von US-Behörden mit dem Handel von Heroin in seinem Heimatland in Verbindung gebracht. Er sei einer der führenden Kriminellen Usbekistans. Zwar gibt es in dem Kasachen Serik Konakbajew einen potenziellen Gegenkandidaten, dieser wurde aber aus unerfindlichen Gründen nicht fristgerecht auf die Kandidatenliste gesetzt. Dagegen geht dieser nun vorm CAS vor. Die Wahl findet am 3. November in Moskau statt.

Doping: Sperre für Johan Bruyneel

Auch in der Welt des Dopings gibt es Nachrichten. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) sperrte Johan Bruyneel, ehemaliger Teamchef von Lance Armstrong, lebenslang, nachdem er ursprünglich für zehn Jahre gesperrt war. Daraufhin veröffentlichte er auf Twitter einen offenen Brief, in dem er Reue für seine Taten zeigt, aber gleichzeitig auch die Rechtmäßigkeit des USADA-Urteils anzweifelt.

Das CAS sperrte im Zuge dessen auch den Teamarzt Pedro Celaya Lezama lebenslang und verlängerte die Sperre von Teamtrainer Jose Martí Martí von acht auf 15 Jahre. Teamarzt Luis Garcia del Moral bekam dagegen seine lebenslange Sperre reduziert, so dass er ab jetzt wieder am Radzirkus teilnehmen kann.

Leichtathletik: Heike Drechsler rehabilitiert

Heike Drechsler

Mithilfe eines Gutachtens kann die ehemalige Weitspringerin Heike Drechsler nun widerlegen, dass sie zur DDR-Zeit im Dienste der Stasi stand. Zwar ist sie als „IM Jump“ geführt worden, sie war jedoch nur ein sogenannter „Vorlauf-IM“. So unterschrieb sie weder eine Verpflichtungserklärung noch übermittelte sie Berichte an die Stasi. Die Dopingvorwürfe, mit denen sie immer wieder konfrontiert wird, bleiben davon jedoch unberührt.

Protest bei Olympia 1968: Eine Geste für die Ewigkeit

Die Nachricht von Tommie Smiths und John Carlos’ stillen Protest gegen Rassismus in den USA während der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko City ging um die Welt und stellte alles Sportliche in den Schatten. Noch 50 Jahre später ist dieser Moment unvergessen. Und dient einer aktuellen Generation von Athleten sowie Athletinnen in den USA als Vorbild.

Das Jahr 1968 war eine Zeit geprägt von Aufbruch und Protesten: Jugendbewegungen weltweit kämpften gegen das Establishment, die Niederschlagung des „Prager Frühling“ erschütterte die Tschechoslowakei und die Ermordung Martin Luther Kings sowie Robert Kennedys versetzte die Bürgerrechtsbewegung der USA in eine Schockstarre. Das IOC zeigte sich jedoch unbeeindruckt von all diesen Entwicklungen. Ganz nach dem Motto „Sport ist Sport, Politik ist Politik“ fand zehn Tage nach dem „Massaker von Tlatelolco“, bei dem bis zu 300 friedlich protestierende Studentinnen und Studenten durch das mexikanische Militär ermordet wurden, die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Mexiko City statt.

Vier Tage nach der Eröffnungsfeier, am 16. Oktober 1968, krönte sich Tommie Smith zum Olympiasieger über die 200m-Sprintstrecke, sein Teamkollege John Carlos gewann Bronze. Die Silbermedaille ging an den Australier Peter Norman. Während die Nationalhymne der USA bei der anschließenden Siegerehrung lief, reckten beide US-Läufer ihre mit einem schwarzen Handschuh bekleidete Faust in die Luft und senkten ihren Kopf.

In einem Fernsehinterview direkt nach der Siegerehrung erklärte Tommie Smith die symbolische Bedeutung ihres Protests: die rechte Faust Smiths stand für die Stärke der schwarzen Bewegung in den USA, die linke Faust Carlos‘ für deren Einheit. Der schwarze Schal, den Smith trug, symbolisierte seinen Stolz, wogegen die Socken ein Bild für die Armut der schwarzen Bevölkerung in den USA war. Besonders die Nutzung der Black Power-Symbole erregte die Gemüter der weißen Bevölkerung in den USA. Auch wenn Smith und Carlos mit dieser Bewegung sympathisierten, hatte die Nutzung ihrer Symbole doch eher opportunistische Gründe.

Denn was bis heute kaum einer weiß: die Geste in dieser Form war so gar nicht geplant. Allein der Vergesslichkeit von Carlos, der sein Paar Handschuhe im Olympischen Dorf liegen ließ, war es geschuldet, dass beide Sportler nur je eine Faust in den Himmel reckten. Es war Peter Normans rettende Idee, sich ein paar Handschuhe zu teilen. Und wer genau hinschaut, erkennt auch die Anstecknadeln des Olympic Project for Human Rights (OPHR) an den Jacken von Smith, Carlos und sogar Norman, der sich mit den beiden US-Sportlern solidarisch zeigte. Doch was war überhaupt das OPHR und in welchem Zusammenhang stand es zum Protest von Smith und Carlos?

Protest: ja. Aber wie?

Afro-amerikanische Athleten und Athletinnen hatten zu dieser Zeit die Wahl. Entweder schlossen sie sich irgendeiner Art von Protestbewegung an, sei es der Bürgerrechts- oder der Black Power-Bewegung, und riskierten ihre sportliche Karriere oder sie blieben stumm und provozierten damit negative Reaktionen politisch aktiver Sportler. Besonders an den Universitäten und Colleges fanden viele Proteste sowie Aktionen statt. Diese äußerten sich zum Beispiel in Form von Sit-ins oder Boykotts von nationalen Wettbewerben.

So auch an der San Jose State University, deren Studenten John Carlos und Tommie Smith waren. Gemeinsam mit dem Sportsoziologen Dr. Harry Edwards gründeten sie 1967 das OPHR, welches ursprünglich den Boykott der Olympischen Spiele in Mexiko City zum Ziel hatte. Außerdem forderten sie unter anderem die Rehabilitation Muhammad Alis und die Absetzung des umstrittenden IOC-Präsidenten Avery Brundage. Der ehemalige NOK-Chef der USA war in den 1930er Jahren berüchtigt für seine Begeisterung für die Nationalsozialisten und Adolf Hitler, woraus er aber auch keinen sonderlich großen Hehl machte.

Möglicher Boykott der Spiele

Obwohl das OPHR und dessen Boykott-Vorhaben so prominente Befürworter wie den Tennisspieler Arthur Ashe, den Baseballer Jackie Robinson und vor allem Martin Luther King hatte, konnte sich ein Boykott der Spiele unter den afro-amerikanischen Athleten und Athletinnen nicht durchsetzen. Viele sahen einfach keinen Sinn in so einer radikalen Aktion. Außerdem wollten sie nicht um deren Belohnung für all die harte Arbeit gebracht werden.

Die Aufmerksamkeit des IOC-Präsidenten Avery Brundage war ihnen nun jedoch sicher. Dieser war ob des Boykottaufrufs, aber auch wegen der Forderung des OPHR nach dessen Absetzung, hochgradig alarmiert. Brundage unternahm deshalb jeden Versuch, die Querulanten zum Schweigen zu bringen. So schickte er zum Beispiel während der Spiele den Olympiahelden von 1936, Jesse Owens, zu den Athleten, um ihnen mögliche Protestaktionen auszureden. Natürlich ohne Erfolg. Smith und Carlos entschieden sich gegen das Schweigen und für einen Protest – aller Drohgebaren Brundages zum Trotz.

(Un-)Erwartete Unterstützung

In den Tagen nach dem 16. Oktober 1968 erhielten Smith und Carlos Unterstützung von einem Großteil der US-amerikanischen Olympiamannschaft. Lee Evans, einer der Anführer des OPHR, musste von Smith und Carlos nach deren Olympia-Ausschluss überredet werden, an seinem Rennen über die 400 Meter teilzunehmen. Bei der Siegerehrung, an der er als Olympiasieger teilnahm, trug er sodann eine schwarze Baskenmütze – wohlwissend, dass diese ein Symbol der Black Panther Party war. Das Wetter sei schuld, antwortete er auf Nachfrage von Journalisten.

Unerwarteter Beistand kam dagegen aus dem Lager der Ruderer. Die Herren-Rudermannschaft der USA, deren Mitglieder allesamt weiß waren und in Harvard zur Universität gingen, veröffentlichte ein Statement zur Unterstützung Smiths und Carlos‘. Die afro-amerikanischen Leichtathletinnen um Wyomia Tyus widmeten ihre Medaillen ebenfalls John Carlos und Tommie Smith. Gleichzeitig äußerten sie ihren Missmut über die Tatsache, dass sie nicht in den Protest des OPHR einbezogen worden waren. Die männlich geprägte Boykott- und letztendlich auch die Bürgerrechtsbewegung schloss schwarze Frauen bzw. Athletinnen größtenteils aus.

Während ein Großteil der weißen US-Bevölkerung der Meinung war, dass Smith und Carlos die Olympischen Spiele für ihre Zwecke missbrauchen und die Nationalhymne entweihen würden, fühlten sich Studenten und Studentinnen an den vielen Universitäten der USA inspiriert, selbst Demonstrationen zu veranstalten oder bei Sportveranstaltungen die Geste von Smith und Carlos zu imitieren.

Nichts mehr so wie früher

Dennoch war für Tommie Smith, John Carlos und deren Familien nichts mehr wie es einmal war. Sie wurden auf Drängen von Avery Brundage von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, durften aber trotz alledem ihre gewonnenen Medaillen behalten. Wieder zuhause angekommen, erhielten Smith und Carlos Morddrohungen, wurden von der Presse verunglimpft und hatten Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Smith beendete seine Leichtathletik-Karriere noch im selben Jahr, John Carlos hörte 1970 auf. Peter Norman, der in den Protest eingeweiht war, war bei seiner Rückkehr nach Australien ebenfalls heftiger Kritik ausgesetzt. 2012, sechs Jahre nach seinem Tod, bat das australische Parlament öffentlich um Entschuldigung für die ungerechte Behandlung sowie fehlende Anerkennung Normans.

Nach Jahren der Ablehnung und Demütigungen wandelte sich die Meinung der breiten Öffentlichkeit ins Positive. 2005 errichtete die San Jose State University schließlich eine Statue zu Ehren von Smith, Carlos und Norman. Auf Wunsch von Peter Norman blieb sein Platz auf dem Podest jedoch leer. So kann jeder Besucher, wenn der denn möchte, seine Solidarität zu Smith und Carlos sowie zur Bürgerrechtsbewegung ausdrücken. Denn das Thema Rassismus ist in den USA (und hierzulande) leider so aktuell wie eh und je.

Mehr Informationen:

John Carlos mit Dave Zirin: The John Carlos Story: The Sports Moment That Changed the World (2011: Haymarket Books)

Tommie Smith mit David Steele: Silent Gesture: The Autobiography of Tommie Smith (2008: Temple University Press)

Matt Norman: Salute (DVD, 2008)

 

Powell vs. Lewis: Ein Sprung für die Ewigkeit?

Heute vor 27 Jahren sprang Mike Powell bei der WM in Tokio 8,95m und stellte damit einen neuen Weltrekord im Weitsprung auf.

Dass nun aber ausgerechnet Mike Powell und nicht wie erwartet der damalige Leichtathletik-Superstar Carl Lewis die bisherige Bestmarke von Bob Beamon aus dem Jahr 1968 übertreffen würde, war eine Sensation. Deren angespanntes Verhältnis gepaart mit der außergewöhnlichen sportlichen Leistung an diesem Abend – immerhin gelang Carl Lewis mit vier Sprüngen über 8,80m die beste Serie seiner Karriere – macht dieses WM-Finale bis heute zum besten Weitsprung-Wettkampf aller Zeiten.

Bis auf Powells Auftaktweite landete jeder gültig gegebene Sprung der Beiden jenseits der 8-Meter-Marke. Im vierten Versuch sah Carl Lewis mit einem Sprung auf 8,91m sogar wie der neue Weltrekordler und sichere Sieger aus. Doch der nicht zulässige Wind sowie Mike Powells Riesenweite von 8,95m im fünften Versuch machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Nach 15 Niederlagen gegen Lewis in Folge krönte sich Powell so zum Weltmeister und neuen Weltrekordler. Selbst der Siebtplatzierte Giovanni Evangelisti aus Italien blieb mit 8,01m über der magischen 8-Meter-Marke.

Zwar konnte Mike Powell seinen WM-Titel 1993 verteidigen, ein Olympiasieg blieb ihm jedoch verwehrt. Jeweils 1988, 1992 und 1996 zog er den Kürzeren gegen Carl Lewis, der mit vier Weitsprung-Siegen bei Olympischen Spielen in die Geschichte einging. Der Versuch, sich im Alter von 40 Jahren für die Spiele 2004 in Athen zu qualifizieren, scheiterte daraufhin. Der einzige Weitspringer, der Powells Marke seitdem übertreffen konnte, war Ivan Pedroso. Der Kubaner sprang bei einem Meeting in Sestriere 8,96m – wegen Unregelmäßigkeiten bei der Windmessung wurde diese Weite jedoch nicht offiziell anerkannt.

 

Doping im Fußball: Fehlanzeige? Von wegen!

Doping im Fußball gibt es nicht, hat es auch nie gegeben. So will es der Fußball der breiten Masse zumindest verkaufen. Doping würde bei so einer auf Technik und Taktik ausgelegten Sportart ja auch überhaupt nichts bringen. Nur ein kleiner Blick in die Geschichte sowie auf verschiedene Studien und Statistiken lässt jedoch erahnen, wie weltfremd solche Aussagen sind. Wo Ausdauer, Kraft und Konzentration gefragt sind, ist Doping immer ein Thema. Deshalb anbei eine kleine Dopinggeschichte des Fußballs.

Gedopt zum WM-Titel?

Bundestrainer Sepp Herberger: Quelle: Wim van Rossem; Lizenz: CC0 1.0

Die „Helden von Bern“ schrieben mit ihrem Triumph bei der Weltmeisterschaft 1954 Geschichte, doch die Geschehnisse in der Halbzeitpause des WM-Finales werden wohl ewig ein Mysterium bleiben. Zu hartnäckig halten sich die Gerüchte über Doping beim Weltmeister, die bereits kurz nach dem Finale von Ferenc Puskás, damaliger Kapitän des deutschen Finalgegners Ungarn, angefeuert wurden. Dieser wunderte sich nämlich über die große Leistungssteigerung der deutschen Elf in der zweiten Halbzeit. Offiziell heißt es bis heute, dass den Spielern in der Halbzeitpause Vitamin C-Spritzen von Teamarzt Dr. Franz Loogen verabreicht wurden. Doch schon damals verdächtigte man die Deutschen, Amphetamine in Form von Pervitin gespritzt bekommen zu haben. Unüblich war dies zu jener Zeit zumindest nicht.

Dennoch steht fest: egal ob Vitamine oder Pervitin, die gesundheitlichen Folgen dieser medizinischen Behandlung waren, gelinde gesagt, unglücklich. Da es nicht genug Spritzen für alle gab, mussten sich die Spieler eine oder mehrere teilen und steckten sich auf diese Weise gegenseitig mit Hepatitis C an. Mindestens acht Spieler des deutschen Kaders mussten sich im November 1954 in Behandlung begeben. Drei Spieler, Richard Franz Herrmann (1962, 39 Jahre alt) sowie Karl Mai (1993, 64 Jahre alt) und Werner Liebrich (1995, 68 Jahre alt), starben frühzeitig an den Folgen der Hepatitis oder zumindest aufgrund von Leberleiden. Die Ungarn sollen sich übrigens auch während des WM-Finales mit Vitamin C aufgeputscht haben – allerdings in Tablettenform.

Auch bei der WM 1966, als Deutschland Vize-Weltmeister wurde, soll es Auffälligkeiten bei der deutschen Mannschaft gegeben haben. So belegen neu entdeckte Dokumente 2011, dass mindestens drei Spieler – die Namen sind allerdings nicht bekannt – mit Ephedrin gedopt gewesen sein sollen. Die FIFA, die 1965 erstmals Urinproben bei Weltmeisterschaften zustimmte, hielt diese brisanten Ergebnisse damals unter Verschluss.

Spritzen in den Hintern

Jean-Jacques Eydelie; Quelle: Christophe95; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der Champions League-Titel von Olympique Marseille 1993 soll auch nicht mit sauberen Mitteln erkämpft worden sein. Dies berichtet zumindest der ehemalige Spieler Jean-Jacques Eydelie 2006 in seiner Autobiographie. Darin erzählt er, wie sich die Spieler unmittelbar vor dem Finale in der Kabine in eine Reihe aufstellen mussten, um sich Injektionen ins Gesäß setzen zu lassen. Was in den Spritzen war, weiß er allerdings bis heute nicht. Dass der damalige Vereinspräsident Bernard Tapie durchaus von diesen Vorgängen wusste, sogar die treibende Kraft dahinter war, davon spricht Eydelies Mannschaftskollege Marcel Desailly in seiner Autobiographie. So soll Tapie, der die Vorwürfe natürlich abstreitet, seinen Spielern die Arzneimittel persönlich in der Kabine vor Spielen in die Hand gedrückt haben. Eydelie nennt übrigens einen Spieler, der sich damals den Injektionen verweigert haben soll: Rudi Völler.

Die Schnupfnase des Diego Maradona

Diego Maradona; Quelle: El Gráfico; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Ernst Jean-Joseph aus Haiti und Diego Maradona sind bis heute die einzigen Spieler, die während einer Fußball-Weltmeisterschaft des Dopings überführt wurden. Beiden wurde die Stimulanz Ephedrin zum Verhängnis: Jean-Joseph bei der WM 1974 in Deutschland, Maradona 20 Jahre später in den USA. Maradonas Drogenmissbrauch war jedoch schon vorher ein Thema in der Klatschpresse. Spätestens seit seiner Zeit in Italien, als ein positiver Test auf Kokain 1991 dazu führte, dass der SSC Neapel seinen Vertrag auflöste, war sein Drogenkonsum ein offenes Geheimnis. Im weiteren Verlauf seines Lebens hatte Maradona immer wieder mit Drogen- und Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Derzeit ist er Trainer des Al-Fujairah SC in der zweiten Liga der Vereinigten Arabischen Emirate.

Italiens Doping-Fluch

Welche verheerenden Spätfolgen Doping und Medikamentenmissbrauch haben kann, zeigt das Beispiel Italien, wo eine Reihe von Todesfällen und Krankheiten ehemalige Fußballer aufschreckt und sogar das Interesse der Staatsanwaltschaft weckte. Deren Untersuchung ergab schockierende Zahlen: Die heimtückische Nervenkrankheit ALS, Bauchspeichel-, Darm- und Leberkrebs kommen im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt bei italienischen Fußballern mindestens doppelt so oft vor. Insgesamt identifizierte die italienische Staatsanwaltschaft 70 verdächtige Todesfälle. Besonders betroffen sind ehemalige Spieler des AC Florenz, weshalb man schon vom „Fluch der Fiorentina“ spricht. Viele Spieler der 1960er und 1970er Jahre berichten von Amphetaminen und unbekannten Medikamenten, die ihnen unter anderem heimlich im Morgenkaffee verabreicht wurden.

Juves Doping-Apotheke

Alessandro del Piero; Quelle: sconosciuto; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Juventus Turin war die bestimmende Mannschaft der 1990er Jahre – national wie international – doch lag dies anscheinend nicht allein an dem fußballerischen Können seiner Spieler. Wie ein italienisches Gericht Anfang der 2000er feststellte, war Juventus‘ Apotheke so gut bestückt, dass sie „zur Versorgung einer mittleren Stadt ausgereicht hätte“. Des Weiteren ergaben Ermittlungen, dass beim mittlerweile 33-fachen italienischen Meister in den Jahren 1994 bis 1998 systematisches Doping betrieben wurde. Unter anderem mit EPO, worauf die Blutwerte einiger Top-Stars wie Zinedine Zidane, Alessandro del Piero oder Didier Deschamps, heutiger Nationaltrainer Frankreichs, hinwiesen. Trotz aller Beweise wurden die Verantwortlichen Turins freigesprochen und der Club durfte alle errungenen Titel behalten.

Die „Nandrolon-Epidemie“

Pep Guardiola; Quelle: Thomas Rodenbücher; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Anfang der 2000er Jahre gab es eine Reihe positiver Tests von Fußballern auf das Steroid Nandrolon. Betroffen davon waren u.a. die niederländischen Nationalspieler Frank de Boer, Edgar Davids und Jaap Stam, der franzözische Nationalspieler Christophe Dugarry, Portugals Nationalspieler Fernando Couto sowie Thomas Ziemer und der heutige Trainer-Guru Pep Guardiola. Alle sind entweder nur mit einer geringen Sperre oder einem Freispruch wegen Formfehler davongekommen. Fun Fact zu Thomas Ziemer: ihm wurde der bis dahin höchste jemals bei einem Menschen gemessene Wert für ein Anabolikum nachgewiesen.

Fuentes‘ exklusive Kunden

Xabi Alonso; Quelle: Football.ua; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der Fuentes-Skandal erschütterte 2006 die gesamte Radsportwelt und beendete de facto Jan Ullrichs Karriere. Dass aber auch Fußballer, teilweise sogar ganze Fußballmannschaften, Kunden von Eufemiano Fuentes waren, ist kaum bekannt. Wie auch? Die spanische Justiz setzte alles daran, brisante Akten, die insbesondere den Fußball in ein schlechtes Licht rückten, unter Verschluss zu halten. Todesdrohungen gegen Fuentes selbst, sollte er über den Fußball auspacken wollen, taten ihr Übriges. Durchgesickert sind dennoch ein paar Details. So belieferte Fuentes den spanischen Verein Real Sociedad Sebastian von 1999 bis 2005 mit Dopingmitteln. Xabi Alonso, der dort bis 2004 spielte, erklärte jedoch, dass er niemals etwas von Doping mitbekommen habe. Die französische Zeitung Le Monde brachte außerdem den FC Barcelona, Real Madrid sowie FC Valencia und Betis Sevilla mit dem spanischen Doping-Guru in Verbindung.

Doping im deutschen Fußball

Günter Schlipper, Frank Mill, Peter Geyer, Johnny Rep – alle gaben Doping mit Amphetaminen oder Captagon während ihrer Karriere zu. Toni Schumacher beschrieb das Doping seiner Kollegen in seiner Autobiographie „Anpfiff“ von 1987 und musste mit den harten Konsequenzen leben. Paul Breitner und Dietmar Schatzschneider berichteten ebenfalls von Doping im Fußball, ohne sich allerdings selbst zu belasten. Dies sind nur einige Beispiele für die nicht unwesentliche Rolle des Dopings im deutschen Fußball. Des Weiteren fanden Sporthistoriker heraus, dass zumindest der VfB Stuttgart und SC Freiburg Ende der 1970er und Anfang 1980er Jahre regelmäßig mit Anabolika beliefert wurden. Lieferant war das Universitätsklinikum Freiburg, welches bis in die 2000er hinein das Doping-Epizentrum (West-) Deutschlands darstellte.

DDR: Doping auch für Fußballer

Das Staatsdopingsystem der DDR machte auch vor den Fußballern keinen Halt. Stasi-Akten belegen, dass ganze Mannschaften teilweise unwissentlich gedopt wurden. So bekamen die Spieler des DDR-Serienmeisters BFC Dynamo Amphetamine mit dem Ziel verabreicht, deren Aggressivität und Schnelligkeit zu steigern. Besonders vor wichtigen Spielen wie dem Europacup griff man zu dieser Maßnahme. Das Doping beschränkte sich jedoch nicht nur auf Amphetamine, sondern beinhaltete auch Steroide wie das Hausprodukt der DDR, Oral Turinabol. Der Dopingopfer-Hilfeverein, welcher sich seit Jahren um die Opfer des DDR-Staatsdopings kümmert, veröffentlichte erst dieses Jahr einen Schadensbericht, der eine Vielzahl schwerer Folgeschäden wie Depressionen, Krebs- und Lebererkrankungen beinhaltet. Betroffen seien Fußballer verschiedener Vereine, darunter des FC Carl Zeiss Jena oder Stahl Riesa.