Frauenfußball: Let’s Get Loud!

Im Vergleich zu den Herren, die ihre erste Weltmeisterschaft bereits 1930 ausspielen durften, ist das Turnier der Damen eine noch relativ junge Veranstaltung. Ihre WM-Premiere feierten sie erst 1991, dabei spielten Frauen zu diesem Zeitpunkt schon seit fast einem Jahrhundert Fußball.

Gewöhnlich gilt ja England als Mutterland des Herrenfußballs, doch auch der Frauenfußball hat dort seinen Ursprung. Zum Ende des 19. Jahrhunderts hin gründeten sich dort die ersten Damen-Mannschaften. Am berühmtesten waren die von Nettie Honeyball angeführten „British Ladies“, deren Spiele damals bis zu 10.000 Zuschauer ins Stadion lockten. Dem englischen Verband passte diese Begeisterung jedoch so gar nicht, so dass es männlichen Mannschaften ab 1902 verboten war, gegen Frauenmannschaften anzutreten. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erfuhr der Frauenfußball jedoch einen regelrechten Aufschwung. Männer fehlten an allen Ecken und Enden, weshalb Frauen in gesellschaftliche Bereiche vorstoßen konnten, die vorher für sie tabu waren. Dazu gehörte neben der Erwerbstätigkeit auch der Fußball. Vor allem als Ablenkung im Arbeitsalltag beliebt, entstand eine Reihe von weiblichen Werksmannschaften. Eines dieser Teams, die „Dick Kerr’s Ladies“, galt sogar als inoffizielle Nationalmannschaft Englands.

Frauenfußball: unästhetisch, wesensfremd und unladylike

1921 war der englische Frauenfußball an seinem Höhepunkt angelangt. Fußballerinnen spielten in rund 150 reinen Frauenmannschaften und gründeten sogar die „English Ladies Football Association“. Dies konnte den überraschend schnellen Zerfall des organisierten Frauenfußballs in England allerdings auch nicht aufhalten. Essentielle Voraussetzungen wie die Erwerbstätigkeit von Frauen und die damit zusammenhängende Förderung durch Firmen sowie Spielmöglichkeiten verloren immer mehr an Bedeutung, so dass das Zuschauerinteresse und damit auch das Ansehen des Frauenfußballs sank. Noch im selben Jahr fasste der von Männern dominierte, englische Verband einen radikalen Entschluss: im Oktober 1921 wurde Frauenfußball in ganz England komplett verboten. Als Grund führte man unter anderem an, dass Fußball einfach nicht geeignet sei für Frauen. Er sei in seiner Art zu roh, Fußball spielende Frauen sähen zudem unästhetisch aus. Außerdem berge Fußball eine zu hohe Verletzungsgefahr.

In Deutschland blieb der Frauenfußballboom nach dem Ersten Weltkrieg aus. Erst im Jahr 1930 gründete sich in Frankfurt der erste „Damen-Fußball-Club“. Die Zeit des Nationalsozialismus im Deutschland der 1930er und 1940er Jahre führte jedoch dazu, dass Frauenfußball ein Schattendasein fristete. Fußball spielende Frauen passten nicht in das vorherrschende Rollenbild, welches sich auf das Bild der Frau als Mutter beschränkte. Der Triumph der deutschen Herren-Nationalmannschaft bei der WM 1954 sorgte zwar für einen kleinen Aufschwung des Frauenfußballs hierzulande, wurde aber wieder direkt durch den DFB gebremst. Diesmal war es der DFB, der ein Verbot des Frauenfußballs aussprach.

“Das Fußballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. […] Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. […] Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nicht-Treten weiblich!” (Fred J. J. Buytendijk, Anthropologe, in einer Studie von 1953)

Fußball sei für Frauen wesensfremd, führte der DFB als Begründung für ein Verbot an. Sie seien im Gegensatz zu den Männern charakterlich nicht geeignet für das Fußballspielen. Genauso wie die Engländer argumentierte der DFB auch mit der Gesundheitsgefährdung der Frau.

Widerstand gegen den DFB

Die Fußballerinnen in Deutschland wollten sich mit einem Verbot ihrer Lieblingssportart jedoch nicht abfinden, weshalb in den 1960er Jahren trotz allem eine Reihe von Vereinen und Verbänden gegründet wurden. Dies führte zu einer Aufhebung des Frauenfußball-Verbots im Oktober 1970 durch den DFB. Zwar durften jetzt alle Vereine wieder eine Frauen-Fußballabteilung haben und den Spielbetrieb aufnehmen. Dass der DFB die Fußballerinnen aber immer noch nicht ernst nahm beziehungsweise ihnen die „rohe“ Sportart Fußball nicht zutraute, zeigen die irrwitzigen Regeln, innerhalb derer Frauen-fußballspiele ausgerichtet werden mussten: eine Halbzeit betrug nur dreißig Minuten, die Spiele durften aber sowieso nur bei guten Wetter und niemals in den Wintermonaten ausgetragen werden. Außerdem waren Jugendbälle Pflicht. Anfänglich wollte der DFB auch noch einen Brustschutz durchsetzen, scheiterte aber am Widerstand der Spielerinnen. Stattdessen mussten die Fußballerinnen auf Stollenschuhe verzichten.

Emanzipation des Frauenfußballs weltweit

Trotz des ganzen Spotts und der blöden Sprüche, der auf die Fußballerinnen einprasselte, erfreute sich Fußball unter Frauen einer großen Beliebtheit. Diese Entwicklung konnte auch der DFB nicht mehr aufhalten, so dass 1974 der erste offizielle deutsche Meister im Frauenfußball gekürt wurde. Daraufhin folgte 1980 die Einführung des DFB-Pokals und ab 1990 die Bundesliga – damals noch zweigleisig. Das erste offizielle Länderspiel der Frauen fand schließlich 1982 gegen die Schweiz statt.

In den 1980er Jahren emanzipierte sich der Frauenfußball immer mehr, auch international. Es gründeten sich weltweit nicht nur die ersten nationalen Verbände und Ligen, es wurden auch die ersten internationalen Wettbewerbe veranstaltet. Hongkong war bereits 1975 Austragungsort der ersten Asienmeisterschaften, an denen sechs Nationen teilnahmen. 16 Mannschaften waren dagegen 1984 bei der ersten Europameisterschaft der Frauen dabei, die Schweden für sich entscheiden konnte. Bis 1991 konnten alle Kontinente der Welt eigene Turniere oder Ligen vorweisen. Nur eine Weltmeisterschaft fehlte noch.

Die erste Weltmeisterschaft und die Angst vor herausfallenden Eierstöcken

Die Befürworter einer eigenen Weltmeisterschaft für die Frauen wurden immer lauter und stießen bei FIFA-Präsident Joao Havelange sogar auf offene Ohren. Die FIFA wollte jedoch kein Risiko eingehen, weshalb sie zuerst ein Einladungsturnier, einen Testlauf sozusagen, ausrichten ließ. Das Turnier 1988 in China, an dem zwölf Mannschaften teilnahmen und aus dem Norwegen als Sieger hervorging, war zur Überraschung vieler ein voller Erfolg.

Als Ausrichter des „1st FIFA World Championship for Women’s Football for the M&M Cup“ – Schuld an diesem sperrigen Namen war der Süßigkeitenhersteller und Hauptsponsor Mars Inc. – wurde abermals China ausgewählt. Doch wieso fiel die Wahl wieder auf China? Das hatte zum einen den Grund, dass China in Sachen Frauenfußball sehr ambitioniert und tonangebend in Asien war. Ausschlaggebender mag jedoch die anstehende Olympia-Bewerbung für die Sommerspiele 2000 gewesen sein. Um das IOC zu beeindrucken, versprachen die Organisatoren hohe Zuschauerzahlen und eine dementsprechende Stimmung. Mit durchschnittlich 19.000 Zuschauern pro Spiel erfüllten sie jegliche an sich selbst gestellte Erwartungen, auch wenn ein großer Teil dieser „Fans“ FabrikarbeiterInnen waren.

Am 16.11.1991 war es nun endlich soweit: in Guangzhou fand das Eröffnungsspiel zwischen Norwegen und Gastgeber China vor rund 65.000 Zuschauern statt. Gespielt wurde zweimal 40 Minuten, was nicht bei allen Spielerinnen gut ankam. So kommentierte April Heinreichs, Kapitänin der US-Mannschaft:

„Sie hatten Angst, dass unsere Eierstöcke herausfallen würden, wenn wir 90 Minuten spielen.“

Die USA wurden dann auch die ersten Weltmeister in der Geschichte des Frauenfußballs, als sie sich im Finale vor ca. 65.000 Zuschauern gegen Norwegen durchsetzten. Der große Erfolg des „M&M Cups“ war übrigens ein erheblicher Grund für die Aufnahme von Frauenfußball in das Programm der Olympischen Sommerspiele 1996 in Atlanta – 88 Jahre nach den Männern. Die Weltmeisterschaft 1995 in Schweden, diesmal auch unter dem bis heute bekannten Titel „FIFA Women’s World Cup“, fungierte folgerichtig auch als Qualifikationsturnier für das Turnier in Atlanta.

„Let’s Get Loud“ in den USA

Während die Zuschauerzahlen aus diversen Gründen bei der WM 1995 rückläufig waren, stellte das Turnier 1999 in den USA einen Wendepunkt in der Geschichte der Frauen-Fußballweltmeisterschaften dar. Die Voraussetzungen für einen vollen Erfolg stimmten von Anfang an. Der Frauenfußball in den USA war nach dem Olympia-Triumph der US-Mannschaft in Atlanta auf dem Höhepunkt. Außerdem entschied man sich, die Spiele in Stadien zu verlegen, die mit einer Kapazität von bis zu 80.000 Zuschauern überdurchschnittlich waren im Vergleich zum letzten Austragungsort Schweden. Dieses Risiko zahlte sich aus. So viele Menschen wie nie zuvor schauten sich die Spiele im Stadion – im Durchschnitt 37.000 Zuschauer – und auch im Fernsehen an. Der Titelgewinn der USA war das perfekte Ende eines Finales, welches bis heute den Rekord für die höchsten Einschaltquoten eines Frauenfußballspiels hält. Die US-Spielerinnen wurden für eine ganze Generation junger Mädchen zu Vorbildern, athletische und starke Frauenkörper waren für einen kurzen Moment nicht mehr verpönt. Verewigt wurde diese Fußballparty außerdem im dem Musikvideo zu Jennifer Lopez‘ Welthit „Let’s Get Loud“.

Nach Deutschland 2003 und 2007 sowie Japan 2011 erkämpfte sich das US-Team 2015 den WM-Titel zurück. Das Finale zwischen den USA und Japan war das meistgesehene Fußballspiel in den USA und erreichte mit einer Quote von 23 Millionen sogar mehr Zuschauer als die damaligen NBA Finals sowie der Stanley Cup. Weltweit verfolgten 750 Millionen Menschen das Turnier vor ihren Fernsehern.

Kampf für mehr Gerechtigkeit

Die immer größer werdende Beliebtheit des Frauenfußballs ermutigte viele Spielerinnen, um mehr Geld, aber vor allem um mehr Anerkennung zu kämpfen. Dies wurde schon im Vorfeld der WM 2015 deutlich, als eine Reihe von internationalen Spielerinnen die Turnierleitung heftig dafür kritisierten, anstatt eines Rasenplatzes – wie bei den Männern üblich – einen Kunstrasenplatz einzusetzen. Sie erwägten sogar einen Boykott, die FIFA erwies sich jedoch als ein zu mächtiger Gegner. Doch vor allem die US-Spielerinnen gaben nicht auf und drohten nach der WM mit einem Streik, sollten sie nicht das gleiche bezahlt bekommen wie die Männer, deren bestes Ergebnis bisher das Halbfinale bei der WM 1930 war.

Ähnliche Bestrebungen sowie Streiks von Spielerinnen gab es auch in Dänemark, die deswegen sogar ein WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden ausfallen ließen. Die EM-Finalistinnen erreichten so eine Gehaltserhöhung um 60 Prozent, sobald sie sich für ein großes Turnier qualifizierten. Der norwegische Verband ging sogar noch einen Schritt weiter. Die Nationalmannschaften der Frauen und Männern erhalten nämlich seit diesem Jahr nicht nur die gleichen Prämien, mit Lise Klaveness wurde weltweit die erste Frau zur Chefin einer männlichen Nationalmannschaft berufen. Davon sind die Argentinierinnen leider weit entfernt. Sie kämpfen derzeit noch für gleichberechtigte Trainings- und Reisebedingungen, von einer gerechten Bezahlung mal ganz abgesehen. Und Deutschland? Die deutschen Damen hätten im Fall eines Titelgewinns 2015 65.000 Euro pro Spielerin bekommen, die Männer 2018 dagegen 350.000 Euro (2014: 300.000 Euro). Für den Titelgewinn bei der EM letztes Jahr hätte der DFB sogar nur 37.500 Euro an die Frauen gezahlt. Erst ab Erreichen des Halbfinals hätten sie überhaupt nur eine Prämie bekommen.

„Kampf“ der FIFA für den Frauenfußball

Doch wie hält es die FIFA mit dem Preisgeld? Hier ein paar Fakten: Während die Herren-Nationalmannschaft Frankreichs 38 Millionen US-Dollar für ihren WM-Titel dieses Jahr bekamen, zahlte die FIFA 2015 eine Prämie in Höhe von zwei Millionen US-Dollar an die US-Damen aus. Insgesamt verteilte die FIFA bei der WM 2018 Prämien in Höhe von 400 Millionen US-Dollar an alle Teams. Das heißt, jedes Team hatte nur für die Teilnahme eine Prämie von acht Millionen US-Dollar sicher.

Nach ihrer Council-Sitzung in Ruanda Anfang November verkündete Präsident Gianni Infantino jedoch stolz, dass die FIFA im Zuge ihrer neuen Frauenfußball-Strategie das Preisgeld für die kommende Weltmeisterschaft der Frauen 2019 in Frankreich deutlich erhöht hätte. Anstatt 15 Millionen US-Dollar wie bisher werde das Preisgeld verdoppelt. Nächstes Jahr werden nun also 30 Millionen US-Dollar ausgezahlt, erstmals auch an alle 24 teilnehmenden Mannschaften. Der zukünftige Weltmeister erhält dann also vier Millionen US-Dollar. Außerdem werden nun zum ersten Mal zusätzliche 20 Millionen US-Dollar für die Teams zur Verfügung gestellt, um die Vorbereitungs- sowie Reisekosten (11,5 Mio. US-Dollar) zu decken und die Clubs für die Abstellung ihrer Spielerinnen (8,5 Mio. US-Dollar) zu kompensieren. Allein für letzteren Zweck erhalten die Clubs bei den Männern 209 Millionen US-Dollar.

Die Spielervereinigung FIFPro hatte dagegen nicht so recht Lust, in die Lobhudelei für die FIFA mit einzusteigen. Ihrer Meinung nach vergrößere sich der Lohnunterschied sogar, da die FIFA das Preisgeld für die Männer für die WM 2022 auf 440 Millionen US-Dollar erhöhe. Spielervereinigungen aus Australien, den USA, Norwegen sowie Schweden und Neuseeland übten ebenfalls heftige Kritik. Der Einsatz der FIFA für den Frauenfußball sei halbherzig und reiche bei weitem nicht aus.

Die FIFA räumt den Damen-Teams nun auch Privilegien ein, die die Herren schon seit jeher genießen durften. So bezahlt die FIFA ab der WM 2019 zwar nun auch Business Class-Flüge für die Spielerinnen und BetreuerInnen, jedoch nur, wenn die Anreisezeit mehr als vier Stunden beträgt. Bei den Herren bekommen im Vergleich alle Mannschaften sowie bis zu 50 Personen des Betreuerpersonals die Business Class gesponsert. Egal, ob sie nur eine Stunde oder eine halbe Weltreise bis zum Austragungsort brauchen. Apropos Austragungsort, die Hotelunterbringung an Spieltagen wurde ebenfalls angepasst. War es bisher so, dass die gegnerischen Frauen-Teams am Vorabend der Partie im selben Hotel übernachten mussten, sieht das ab der WM 2019 anders aus. Von nun an werden sie, wie bei den Herren üblich, in verschiedenen Hotels untergebracht. All diese Änderungen, Preisgelderhöhungen und Anpassungen sind jedoch nichts wert, wenn kaum jemand weiß, dass nächstes Jahr überhaupt eine WM ausgetragen wird.

WM 2019? Welche WM 2019?

Die Weltmeisterschaft nächstes Jahr in Frankreich findet vom 07. Juni bis 07. Juli statt, doch möchte man diese und mehr Infos auf der Homepage der FIFA in Erfahrung bringen, muss man lange suchen. Nicht nur, dass die FIFA während der Herren-WM in Russland kaum Werbung für die WM 2019 betrieben hat, selbst auf deren FIFA.com-Startseite lassen sich auf den ersten Blick kaum Hinweise auf das Turnier finden. Unter dem Reiter „FIFA Fußball-WM“ wird noch auf die Seite der Herren-WM in Russland verlinkt. Bisher ist auch noch nicht geklärt, ob der Videobeweis nächstes Jahr zum Einsatz kommt oder nicht. Die FIFA deutete schon an, dass es wahrscheinlich nicht möglich sei, die Schiedsrichterinnen rechtzeitig bis zur WM nächstes Jahr zu schulen. Dieses Argument wollen viele Spielerinnen und TrainerInnen verständlicherweise nicht gelten lassen und würden das Weglassen des VAR als weitere Diskriminierung des Frauenfußballs begreifen.

Das Finale des Copa America und des Gold Cup finden übrigens auch am 07. Juli 2019, dem Tag des WM-Finales, statt. So viel zum Thema Wertschätzung durch die FIFA.

Protest bei Olympia 1968: Eine Geste für die Ewigkeit

Die Nachricht von Tommie Smiths und John Carlos’ stillen Protest gegen Rassismus in den USA während der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko City ging um die Welt und stellte alles Sportliche in den Schatten. Noch 50 Jahre später ist dieser Moment unvergessen. Und dient einer aktuellen Generation von Athleten sowie Athletinnen in den USA als Vorbild.

Das Jahr 1968 war eine Zeit geprägt von Aufbruch und Protesten: Jugendbewegungen weltweit kämpften gegen das Establishment, die Niederschlagung des „Prager Frühling“ erschütterte die Tschechoslowakei und die Ermordung Martin Luther Kings sowie Robert Kennedys versetzte die Bürgerrechtsbewegung der USA in eine Schockstarre. Das IOC zeigte sich jedoch unbeeindruckt von all diesen Entwicklungen. Ganz nach dem Motto „Sport ist Sport, Politik ist Politik“ fand zehn Tage nach dem „Massaker von Tlatelolco“, bei dem bis zu 300 friedlich protestierende Studentinnen und Studenten durch das mexikanische Militär ermordet wurden, die Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Mexiko City statt.

Vier Tage nach der Eröffnungsfeier, am 16. Oktober 1968, krönte sich Tommie Smith zum Olympiasieger über die 200m-Sprintstrecke, sein Teamkollege John Carlos gewann Bronze. Die Silbermedaille ging an den Australier Peter Norman. Während die Nationalhymne der USA bei der anschließenden Siegerehrung lief, reckten beide US-Läufer ihre mit einem schwarzen Handschuh bekleidete Faust in die Luft und senkten ihren Kopf.

In einem Fernsehinterview direkt nach der Siegerehrung erklärte Tommie Smith die symbolische Bedeutung ihres Protests: die rechte Faust Smiths stand für die Stärke der schwarzen Bewegung in den USA, die linke Faust Carlos‘ für deren Einheit. Der schwarze Schal, den Smith trug, symbolisierte seinen Stolz, wogegen die Socken ein Bild für die Armut der schwarzen Bevölkerung in den USA war. Besonders die Nutzung der Black Power-Symbole erregte die Gemüter der weißen Bevölkerung in den USA. Auch wenn Smith und Carlos mit dieser Bewegung sympathisierten, hatte die Nutzung ihrer Symbole doch eher opportunistische Gründe.

Denn was bis heute kaum einer weiß: die Geste in dieser Form war so gar nicht geplant. Allein der Vergesslichkeit von Carlos, der sein Paar Handschuhe im Olympischen Dorf liegen ließ, war es geschuldet, dass beide Sportler nur je eine Faust in den Himmel reckten. Es war Peter Normans rettende Idee, sich ein paar Handschuhe zu teilen. Und wer genau hinschaut, erkennt auch die Anstecknadeln des Olympic Project for Human Rights (OPHR) an den Jacken von Smith, Carlos und sogar Norman, der sich mit den beiden US-Sportlern solidarisch zeigte. Doch was war überhaupt das OPHR und in welchem Zusammenhang stand es zum Protest von Smith und Carlos?

Protest: ja. Aber wie?

Afro-amerikanische Athleten und Athletinnen hatten zu dieser Zeit die Wahl. Entweder schlossen sie sich irgendeiner Art von Protestbewegung an, sei es der Bürgerrechts- oder der Black Power-Bewegung, und riskierten ihre sportliche Karriere oder sie blieben stumm und provozierten damit negative Reaktionen politisch aktiver Sportler. Besonders an den Universitäten und Colleges fanden viele Proteste sowie Aktionen statt. Diese äußerten sich zum Beispiel in Form von Sit-ins oder Boykotts von nationalen Wettbewerben.

So auch an der San Jose State University, deren Studenten John Carlos und Tommie Smith waren. Gemeinsam mit dem Sportsoziologen Dr. Harry Edwards gründeten sie 1967 das OPHR, welches ursprünglich den Boykott der Olympischen Spiele in Mexiko City zum Ziel hatte. Außerdem forderten sie unter anderem die Rehabilitation Muhammad Alis und die Absetzung des umstrittenden IOC-Präsidenten Avery Brundage. Der ehemalige NOK-Chef der USA war in den 1930er Jahren berüchtigt für seine Begeisterung für die Nationalsozialisten und Adolf Hitler, woraus er aber auch keinen sonderlich großen Hehl machte.

Möglicher Boykott der Spiele

Obwohl das OPHR und dessen Boykott-Vorhaben so prominente Befürworter wie den Tennisspieler Arthur Ashe, den Baseballer Jackie Robinson und vor allem Martin Luther King hatte, konnte sich ein Boykott der Spiele unter den afro-amerikanischen Athleten und Athletinnen nicht durchsetzen. Viele sahen einfach keinen Sinn in so einer radikalen Aktion. Außerdem wollten sie nicht um deren Belohnung für all die harte Arbeit gebracht werden.

Die Aufmerksamkeit des IOC-Präsidenten Avery Brundage war ihnen nun jedoch sicher. Dieser war ob des Boykottaufrufs, aber auch wegen der Forderung des OPHR nach dessen Absetzung, hochgradig alarmiert. Brundage unternahm deshalb jeden Versuch, die Querulanten zum Schweigen zu bringen. So schickte er zum Beispiel während der Spiele den Olympiahelden von 1936, Jesse Owens, zu den Athleten, um ihnen mögliche Protestaktionen auszureden. Natürlich ohne Erfolg. Smith und Carlos entschieden sich gegen das Schweigen und für einen Protest – aller Drohgebaren Brundages zum Trotz.

(Un-)Erwartete Unterstützung

In den Tagen nach dem 16. Oktober 1968 erhielten Smith und Carlos Unterstützung von einem Großteil der US-amerikanischen Olympiamannschaft. Lee Evans, einer der Anführer des OPHR, musste von Smith und Carlos nach deren Olympia-Ausschluss überredet werden, an seinem Rennen über die 400 Meter teilzunehmen. Bei der Siegerehrung, an der er als Olympiasieger teilnahm, trug er sodann eine schwarze Baskenmütze – wohlwissend, dass diese ein Symbol der Black Panther Party war. Das Wetter sei schuld, antwortete er auf Nachfrage von Journalisten.

Unerwarteter Beistand kam dagegen aus dem Lager der Ruderer. Die Herren-Rudermannschaft der USA, deren Mitglieder allesamt weiß waren und in Harvard zur Universität gingen, veröffentlichte ein Statement zur Unterstützung Smiths und Carlos‘. Die afro-amerikanischen Leichtathletinnen um Wyomia Tyus widmeten ihre Medaillen ebenfalls John Carlos und Tommie Smith. Gleichzeitig äußerten sie ihren Missmut über die Tatsache, dass sie nicht in den Protest des OPHR einbezogen worden waren. Die männlich geprägte Boykott- und letztendlich auch die Bürgerrechtsbewegung schloss schwarze Frauen bzw. Athletinnen größtenteils aus.

Während ein Großteil der weißen US-Bevölkerung der Meinung war, dass Smith und Carlos die Olympischen Spiele für ihre Zwecke missbrauchen und die Nationalhymne entweihen würden, fühlten sich Studenten und Studentinnen an den vielen Universitäten der USA inspiriert, selbst Demonstrationen zu veranstalten oder bei Sportveranstaltungen die Geste von Smith und Carlos zu imitieren.

Nichts mehr so wie früher

Dennoch war für Tommie Smith, John Carlos und deren Familien nichts mehr wie es einmal war. Sie wurden auf Drängen von Avery Brundage von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, durften aber trotz alledem ihre gewonnenen Medaillen behalten. Wieder zuhause angekommen, erhielten Smith und Carlos Morddrohungen, wurden von der Presse verunglimpft und hatten Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Smith beendete seine Leichtathletik-Karriere noch im selben Jahr, John Carlos hörte 1970 auf. Peter Norman, der in den Protest eingeweiht war, war bei seiner Rückkehr nach Australien ebenfalls heftiger Kritik ausgesetzt. 2012, sechs Jahre nach seinem Tod, bat das australische Parlament öffentlich um Entschuldigung für die ungerechte Behandlung sowie fehlende Anerkennung Normans.

Nach Jahren der Ablehnung und Demütigungen wandelte sich die Meinung der breiten Öffentlichkeit ins Positive. 2005 errichtete die San Jose State University schließlich eine Statue zu Ehren von Smith, Carlos und Norman. Auf Wunsch von Peter Norman blieb sein Platz auf dem Podest jedoch leer. So kann jeder Besucher, wenn der denn möchte, seine Solidarität zu Smith und Carlos sowie zur Bürgerrechtsbewegung ausdrücken. Denn das Thema Rassismus ist in den USA (und hierzulande) leider so aktuell wie eh und je.

Mehr Informationen:

John Carlos mit Dave Zirin: The John Carlos Story: The Sports Moment That Changed the World (2011: Haymarket Books)

Tommie Smith mit David Steele: Silent Gesture: The Autobiography of Tommie Smith (2008: Temple University Press)

Matt Norman: Salute (DVD, 2008)

 

Powell vs. Lewis: Ein Sprung für die Ewigkeit?

Heute vor 27 Jahren sprang Mike Powell bei der WM in Tokio 8,95m und stellte damit einen neuen Weltrekord im Weitsprung auf.

Dass nun aber ausgerechnet Mike Powell und nicht wie erwartet der damalige Leichtathletik-Superstar Carl Lewis die bisherige Bestmarke von Bob Beamon aus dem Jahr 1968 übertreffen würde, war eine Sensation. Deren angespanntes Verhältnis gepaart mit der außergewöhnlichen sportlichen Leistung an diesem Abend – immerhin gelang Carl Lewis mit vier Sprüngen über 8,80m die beste Serie seiner Karriere – macht dieses WM-Finale bis heute zum besten Weitsprung-Wettkampf aller Zeiten.

Bis auf Powells Auftaktweite landete jeder gültig gegebene Sprung der Beiden jenseits der 8-Meter-Marke. Im vierten Versuch sah Carl Lewis mit einem Sprung auf 8,91m sogar wie der neue Weltrekordler und sichere Sieger aus. Doch der nicht zulässige Wind sowie Mike Powells Riesenweite von 8,95m im fünften Versuch machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Nach 15 Niederlagen gegen Lewis in Folge krönte sich Powell so zum Weltmeister und neuen Weltrekordler. Selbst der Siebtplatzierte Giovanni Evangelisti aus Italien blieb mit 8,01m über der magischen 8-Meter-Marke.

Zwar konnte Mike Powell seinen WM-Titel 1993 verteidigen, ein Olympiasieg blieb ihm jedoch verwehrt. Jeweils 1988, 1992 und 1996 zog er den Kürzeren gegen Carl Lewis, der mit vier Weitsprung-Siegen bei Olympischen Spielen in die Geschichte einging. Der Versuch, sich im Alter von 40 Jahren für die Spiele 2004 in Athen zu qualifizieren, scheiterte daraufhin. Der einzige Weitspringer, der Powells Marke seitdem übertreffen konnte, war Ivan Pedroso. Der Kubaner sprang bei einem Meeting in Sestriere 8,96m – wegen Unregelmäßigkeiten bei der Windmessung wurde diese Weite jedoch nicht offiziell anerkannt.