American Football: Hat die NFL ein Problem mit häuslicher Gewalt?

An diesem Wochenende starteten die NFL-Playoffs mit den Wildcardspielen. Während die Kansas City Chiefs erst später in das Geschehen eingreifen, haben sich die Washington Redskins noch nicht einmal für die Playoffs qualifiziert. Wieso die beiden Teams hier so im Fokus stehen? Sie und auch die NFL haben sich gegen Ende des letzten Jahres nicht gerade mit Ruhm bekleckert, als deren Spieler wegen häuslicher Gewalt auffällig wurden.

Eigentlich wähnte sich die NFL in dieser Saison zurück in der Erfolgsspur. Die Einschaltquoten erholten sich wieder, die Spiele sind so unterhaltsam wie lange nicht mehr und junge, aufstrebende Talente prägen das Bild der Liga. Diskussionen um Gehirnerschütterungen sowie den anhaltenden Hymnenprotest, welche noch das Geschehen der Vorsaison bestimmten, sind mittlerweile weitestgehend in den Hintergrund gerückt. Doch dann holten die Ereignisse um Kareem Hunt und Reuben Foster die NFL auf den Boden der Tatsachen zurück und zeigten eindrucksvoll, dass die NFL im Umgang mit häuslicher Gewalt durch ihre Spieler nichts dazugelernt hat.

Der Fall Kareem Hunt

Was war geschehen? Ende November veröffentlichte das US-amerikanische Klatschportal TMZ ein Video, das den Runningback der Kansas City Chiefs, Kareem Hunt, dabei zeigt, wie er eine neunzehnjährige Frau in einem Hotel in Cleveland körperlich angreift, sie schlägt und tritt. Die NFL suspendierte ihn prompt – er darf nun nicht mehr mit dem Team trainieren, erhält jedoch weiterhin sein Gehalt. Was wie eine handlungsschnelle und konsequente Reaktion auf Seiten der NFL aussah, entpuppte sich allerdings schnell als Finte. Der Vorfall ereignete sich nämlich schon im Februar 2018, seitdem hatten auch die NFL und die Kansas City Chiefs Kenntnis davon.

Und trotzdem passierte in den acht Monaten davor: nichts. Nachdem die Frau keine Anzeige erstattete, hielt es die NFL auch nicht für nötig, sich mit Kareem Hunt oder dem Opfer zu unterhalten. Stattdessen vertraute man auf die Aussage Hunts, die er gegenüber seiner Team-Verantwortlichen tätigte. Es sei keine Gewalt angewandt worden. Von der Existenz des Videos hätten sie bei der NFL übrigens auch nichts gewusst. Da kommt natürlich die Frage auf, wie TMZ es schaffte, an dieses Video zu gelangen, während die NFL und ihre gut bezahlten Ermittler im Dunkeln darüber blieben. Im Juni fiel Hunt abermals negativ auf, als er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung einem Mann ins Gesicht schlug. Auch hieraus entstanden für den NFL Rookie des Jahres 2017 keinerlei Konsequenzen.

Immer wieder Reuben Foster

Als wenn das Hunt-Debakel nicht schon schlimm genug für die NFL gewesen wäre, setzte der Fall Reuben Foster dem Ganzen nochmal die Krone auf. Der Linebacker wurde Ende November von seinem Team, den San Francisco 49ers, entlassen, nachdem er dieses Jahr bereits zweimal wegen häuslicher Gewalt verhaftet wurde – zuletzt im November dieses Jahres. So weit, so gut. Doch drei Tage später heuerten die Washington Redskins Foster an, was in den USA für einen veritablen Shitstorm sorgte. Da half auch die Aussage des hochrangigen Redskins-Funktionärs Doug Williams nicht, der versuchte, den Vorfall kleinzureden. Die Ereignisse um Foster seien im Vergleich zu den Vergehen einiger NFL-Funktionäre Kleinkram („small potatoes“).

Es war nicht das erste Mal, dass Reuben Foster auffällig wurde. 2017 musste er das Scouting Turnier der NFL verlassen, nachdem er gegenüber eines Krankenhausangestellten gewalttätig wurde. Darauf folgten ein verdächtiger Dopingtest sowie mehrere Anschuldigungen und Verhaftungen wegen häuslicher Gewalt. Zu Beginn der Saison sperrte ihn die NFL schließlich für zwei Spiele, jedoch nicht wegen seiner Gewaltausbrüche gegenüber Frauen, sondern aufgrund von Waffen- und Cannabisbesitzes.

Die NFL nach Ray Rice

Insbesondere die Vorkommnisse um Kareem Hunt erinnern sehr an den Fall Ray Rice, der 2014 für Schlagzeilen sorgte und den die NFL am liebsten aus ihrem Gedächtnis löschen würde. Die Parallelen sind beeindruckend: wie bei Hunt veröffentlichte TMZ im September 2014 ein Video, in dem Rice seine damalige Freundin und heutige Ehefrau Janay Palmer in einem Aufzug bewusstlos schlägt und anschließend über den Boden schleift. Dieser Angriff ereignete sich allerdings bereits im März 2014. Dazwischen lagen also sechs Monate, in denen Ray Rice seinem normalen Leben nachgehen konnte, obwohl die NFL und sein Team, die Baltimore Ravens, von Beginn an Bescheid wussten.

Der öffentliche Aufschrei war so groß, dass sich die NFL gezwungen sah, Konsequenzen zu ziehen. So etwas solle nie mehr geschehen, verkündete damals NFL-Chef Roger Goodell. Um seinen Worten Ausdruck zu verleihen, engagierte er den ehemaligen FBI-Direktor und heutigen Sonderermittler Robert Mueller, der seine Empfehlungen abgeben sollte. Das Ergebnis war die Aufrüstung der hausinternen Ermittler und die Aktualisierung der Player Conduct Policy sowie deren Ergänzung um die Domestic Violence Policy. Die neuen Richtlinien sehen nun für ein Erstvergehen sechs Spiele Sperre ohne Bezahlung vor. Auf das Zweitvergehen folgt eine Sperre auf unbestimmte Zeit, deren Aufhebung erst nach frühestens einem Jahr beantragt werden kann.

Seitdem sperrte die NFL eine Reihe von Spielern wegen Verstößen gegen die Domestic Violence Policy, darunter sind Namen wie Ben Roethlisberger, Adrian Peterson oder Josh Brown. Überhaupt gab es seit Februar 2014 insgesamt 26 Vorfälle häuslicher Gewalt, bei denen Spieler verhaftet wurden. Allein beim NFL Draft 2017 standen mindestens sechs Spieler zur Auswahl, die schon einmal der sexuellen oder häuslichen Gewalt beschuldigt wurden. Die Zahl derer, die bis heute mit einer 6-Spiele-Sperre belegt wurden, hält sich jedoch in Grenzen.

Gewalt gegen Frauen traditionell ein Problem in der NFL

Gewalt gegen Frauen durch Spieler der NFL hat seit jeher Tradition und ist keineswegs eine neue Entwicklung. Man denke da nur an NFL-Legende Jim Brown, Super Bowl Champion 1964 und Mitglied der Hall of Fame. Er wurde alleine fünfmal beschuldigt, Frauen tätlich angegriffen zu haben, zuletzt im Alter von 66 Jahren 2002. Vor zwei Monaten wurde Wide Receiver Rae Carruth von den Carolina Panthers aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er 1999 den Mord an seiner hochschwangeren Freundin Cherica Adams in Auftrag gab. Carruth war der erste aktive Spieler der NFL, der wegen Mordes verurteilt wurde. Nicht mehr aktiv war dagegen O.J. Simpson, als er im Juni 1994 wegen des Mordes an seiner Ex-Frau Nicole Brown Simpson und deren Bekannten Ron Goldman angeklagt wurde.

Der O.J. Simpson-Fall sowie die Tatsache, dass zwischen 1989 und 1994 alleine 56 ehemalige und aktive Spieler wegen Angriffe auf Frauen auffällig wurden, sorgte für ein leises Umdenken bei der NFL. 1997 führte der damalige NFL-Chef Paul Tagliabue die Violent Crime Policy ein, welche im Jahr 2000 zum Vorläufer der heutigen Player Conduct Policy überarbeitet wurde. Diese besagte allerdings, dass Spieler erst nach einer gerichtlichen Verurteilung diszipliniert werden können. Der aktuelle NFL-Chef Roger Goodell änderte diesen Passus 2007, seitdem können Fälle gesondert und unabhängig von der Justiz betrachtet werden. Diese Maßnahmen änderten trotz alledem nichts an der Tatsache, dass laut fivethirtyeight.com zwischen 2000 und 2014 83 Verhaftungen wegen häuslicher Gewalt vorgenommen wurden, jedoch kaum einer deswegen sanktioniert wurde.

Wie ist es wirklich?

Doch wieso hat ausgerechnet die NFL solch ein großes Problem mit der Gewalt an Frauen? Oder täuscht der Eindruck nur, weil die (US-)Presse nun vermehrt darüber berichtet? Die Webseite arrestnation.com verzeichnet für das Jahr 2017 im Pro Football jedenfalls 49 allgemeine Vorfälle, bei denen Spieler zumindest verhaftet oder einem Richter vorgeführt wurden, im College Football liegt die Zahl sogar bei 230. Für dieses Jahr wurden 50 Fälle im Pro Football und 137 im College Football gezählt. Dies mag sich jetzt nach viel anhören, statistisch gesehen werden NFL-Spieler im Vergleich aber seltener verhaftet als die durchschnittliche US-Bevölkerung in ihrer Alters- und Geschlechtsgruppe. Auch die Zahl der Verhaftungen wegen häuslicher Gewalt bewegt sich unter dem nationalen US-Durchschnitt. Betrachtet man jedoch die Einkommensgruppe, der NFL-Spieler angehören, ist die Zahl der Verhaftungen wiederum überdurchschnittlich hoch.

Wie die Webseite fivethirtyeight.com für den Zeitraum 2000 bis 2014 statistisch berechnete, geschehen die meisten Verhaftungen in den USA in Folge von Trunkenheit am Steuer („DUI“) und Drogenvergehen. DUIs stellen auch das größte Problem für NFL-Spieler dar, mit einigem Abstand folgen dann aber tätliche Angriffe, die nicht in Relation zu häuslicher oder sexueller Gewalt stehen. Nimmt man allerdings nur die Kategorie der tätlichen Angriffe (inkl. häuslicher und sexueller Gewalt), liegt der Anteil für Verhaftungen wegen häuslicher Gewalt bei circa 48 Prozent – im Vergleich sind es circa 21 Prozent im US-Durchschnitt. Es sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die NBA laut der Webseite vocativ.com der NFL bei der Zahl der Verhaftungen (2010 – 2014) in nichts nachsteht.

Die Macho-Kultur im American Football

Das Problem scheint also größer zu sein als gedacht. Doch wieso ist das so? Einige Experten sehen die Gründe für das aggressive Verhalten von Spielern jenseits des Spielfelds in der gewalttätigen Natur des American Football, welches von brutalen Zusammenstößen und Tackles sowie schweren Verletzungen geprägt ist. Dabei ist die heutige Variante im Vergleich zu damals harmlos. Als das erste offizielle Spiel der Football-Geschichte 1869 zwischen den beiden College-Mannschaften Rutgers und Princeton ausgetragen wurde, galten noch ganz andere Regeln. So existierten weder die derzeitigen Regeln zum Schutz der Spieler noch mussten diese eine Schutzausrüstung tragen. Dies führte dazu, dass 1905 18 Spieler an den Folgen von Verletzungen starben, was den damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt auf den Plan rief. Er drohte mit dem Verbot von American Football, sollten nicht die Regeln geändert bzw. entschärft werden. So entwickelte sich American Football nach und nach zu dem Spiel, welches heute die Nummer Eins Sportart in den USA ist.

In einem sehr jungen Alter lernen Football-Spieler bereits, dass von ihnen eine gewisse Brutalität auf dem Platz gefordert wird und diese eine Grundvoraussetzung für Erfolg ist, für harte Tackles werden sie gelobt und verehrt. Es scheint ihnen anschließend schwer zu fallen, dieses aggressive Verhalten im Privatleben hinter sich zu lassen. Eine gewisse Macho-Kultur im Sport, inklusive sexistischem Lockerroom Talk, tut sein Übriges. Es wird desto schwieriger, je erfolgreicher die Spieler werden. Dazu trägt sicherlich auch das Verhalten vieler Trainer, Funktionäre und auch Eltern bei, die über jegliches Fehlverhalten ihrer Schützlinge hinwegsehen und die schützende Hand über sie legen. Solange sie der Highschool, dem College oder dem NFL-Team Erfolg bringen, können sich diese Spieler jegliche Fehltritte leisten. Dies ist jedoch ein allgemeines Phänomen, welches auch andere Sportarten wie Basketball, Eishockey und Baseball betrifft.

Spätfolgen des American Footballs

Welche gravierenden Auswirkungen vor allem Kopfverletzungen auf das Verhalten von Footballspielern haben können, zeigen die Studien und Berichte über die chronisch-traumatische Enzephalopathie, kurz: CTE. Erste Symptome dieser neurodegenerativen Erkrankung des Gehirns treten im Durchschnitt acht Jahre nach der ersten Kopfverletzung auf. Kopfschmerzen sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen sind erste Anzeichen, es folgen unter anderem Depressionen, Gedächtnisverlust, Aggressivität, ein Verlust der Impulskontrolle, Persönlichkeits- und Verhaltensveränderungen sowie ein erhöhtes Selbstmordrisiko, am Ende leidet der Patient an einer ausgeprägten Demenz. Oftmals gehen diese Symptome mit Drogen- oder Alkoholproblemen einher, außerdem geraten Betroffene oftmals in Konflikt mit dem Gesetz.

Vor allem in den letzten zehn Jahren schockierte eine Reihe von tragischen Fällen die US-amerikanische Öffentlichkeit. Da wären zum Beispiel die Selbstmorde von Super Bowl-Champion Dave Duerson (50 Jahre), Ray Easterling (62 Jahre), Andre Waters (44 Jahre) und Junior Seau (43 Jahre). Besonders bestürzt reagierten Fans und ehemalige Mitspieler jedoch auf den Tod von Mike Webster. Der vierfache Super Bowl-Champion lebte jahrelang auf der Straße, war medikamentenabhängig und starb 2002 50-jährig an einem Herzinfarkt. Webster war der erste Spieler, bei dem CTE diagnostiziert wurde. Die letzten Jahre seines Lebens und der Kampf seiner Familie mit der NFL um Anerkennung der Schuld wurden 2015 in dem Film „Concussions“ mit Will Smith in der Hauptrolle thematisiert.

Doch nicht nur die Betroffenen selbst leiden unter den Folgen von CTE, auch deren enge Angehörige und Freunde werden in Mitleidenschaft gezogen – manchmal mit tödlichen Folgen. So erschoss Jovan Belcher von den Kansas City Chiefs 2012 erst seine Freundin Kasandra Perkins, die Mutter seiner dreijährigen Tochter, um dann zum Trainingsgelände der Chiefs zu fahren und dort in Anwesenheit des Managers sowie Team-Besitzers Selbstmord zu begehen. Belcher war erst 25 Jahre alt und spielte noch aktiv American Football. Chris Benoit, ein sehr angesehener Wrestler aus Kanada, tötete 2007 innerhalb von drei Tagen zuerst seine Ehefrau Nancy, dann den gemeinsamen Sohn Daniel und schließlich sich selbst. Aaron Hernandez wurde 2015 wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt und erhängte sich zwei Jahre später in seiner Gefängniszelle.

CTE als Grund für Gewaltausbrüche?

Was all diese Fälle gemeinsam haben? Bei jedem dieser Männer wurde posthum CTE festgestellt, und zwar teilweise in solch einem Ausmaß, dass sogar die erfahrensten Mediziner erschrocken waren. Dr. Ann McKee, Direktorin des Boston University CTE Centers, war eine von ihnen. Sie untersuchte das Gehirn von Aaron Hernandez und fand Schockierendes heraus: die Schäden an seinem Gehirn entsprachen eher einem 46-Jährigen. Aaron Hernandez war zum Zeitpunkt seines Todes jedoch erst 27 Jahre alt. Dieser und einige andere Fälle belegen aber auch sehr gut, dass nicht nur alternde, bereits zurückgetretene Profis jenseits der 40 von CTE betroffen sind, sondern auch junge, noch aktive Spieler.

Das bestätigt auch eine Studie von Dr. McKee, über die die New York Times 2017 berichtete. Sie untersuchte die Gehirne von 111 NFL-Spielern, in 110 von ihnen fand man Spuren von CTE. Die Altersspanne lag hier bei 23 bis 89 Jahren. Eine weitere Studie der Boston University von 2013 erforschte, in welchem Zusammenhang Gewalttätigkeit und CTE stehen. Herauskam, dass von 33 Betroffenen über die Hälfte zu Lebzeiten gewalttätig wurden. Dennoch können und wollen Mediziner keinen direkten Zusammenhang zwischen CTE und (häuslicher) Gewalt herstellen. Dr. McKee äußerte sich in einem TIME-Artikel wie folgt:

„Wir können uns nicht das Krankheitsbild anschauen und daraus das Verhalten ableiten. Doch wir können allgemein sagen, bezüglich unserer gesammelten Erfahrung, dass Personen mit CTE, vor allem CTE mit diesem Schweregrad (bezogen auf Hernandez, Anm. d. Red.) Probleme mit der Impulskontrolle, dem Treffen von Entscheidungen, der Unterdrückung von aggressiven Regungen, emotionalen Stimmungsschwankungen und zornigen Verhalten haben.“

Um es nochmal klarzustellen: Nicht jeder Footballspieler erkrankt an CTE. Genauso wie nicht jeder CTE-Betroffene gewalttätig oder kriminell werden muss. Jedoch ist die Gefahr, dass Footballspieler, die an CTE leiden, sich oder ihren engsten Mitmenschen etwas antun, nun einmal erhöht.

Was kann die NFL tun?

Zuerst einmal muss die NFL dafür sorgen, dass sie ihre Spieler vor Kopfverletzungen schützt. Ein erster Schritt in diese Richtung war die Einführung des Concussion Protocol, welches sicherstellen soll, dass Spieler mit einer Kopfverletzung nicht so schnell auf das Spielfeld zurückkehren können. Werden diese Maßnahmen nicht eingehalten, müssen die Teams mit hohen Geldstrafen rechnen. Die NFL aktualisierte vor dieser Saison ebenso die Helm-Regel, welche es jetzt verbietet, mit dem Kopf voran in einen Gegenspieler zu rennen. Dies soll Kopfverletzungen verhindern, Teams sowie Spieler sind jedoch alles andere als begeistert, da so die beim Publikum so beliebten Tackles weniger werden. Dass die NFL nun diese Maßnahmen ergreift, hat sicherlich mit der Erkenntnis zu tun, dass die Diskussionen um CTE und Sportlern, die nach ihrer Karriere drogenabhängig und gewalttätig werden, einen immensen Imageschaden nach sich ziehen. Es sollte deshalb nicht unerwähnt bleiben, dass es Jahre gedauert hat, bis die NFL 2016 öffentlich eine Verbindung zwischen American Football und CTE einräumte. Mittlerweile stellt die NFL Spielern, die unter den Spätfolgen von Kopfverletzungen leiden, einen Fond von einer Milliarde US-Dollar zur Verfügung.

Härtere Sperren für häusliche und sexuelle Gewalt

Außerdem sollten Spieler, die nachweislich der häuslichen Gewalt überführt werden, härter sanktioniert werden als Spieler, die Luft aus einem Spielball herauslassen – siehe Tom Bradys 4-Spiele-Sperre aufgrund des Deflategate. Oftmals fehlt einfach die Verhältnismäßigkeit. Das mag auch daran liegen, dass einzig und allein NFL-Chef Roger Goodell über die Spieler richtet. Er entscheidet, ob Fälle verfolgt werden, über die Höhe der Sperre und im Falle eines Einspruchs, ob ihm stattgegeben oder ob er abgelehnt wird. Goodells Status als Alleinherrscher wird von vielen Teams, Spielern und auch Medien kritisch gesehen, da sie Goodell fehlende Objektivität und Willkürlichkeit vorwerfen.

Tatsächlich sind die Entscheidungen Goodells selten einheitlich. Die Spieler hätten es jedoch selbst in der Hand, ein Zeichen dafür zu setzen, dass häusliche Gewalt in ihrer Liga keinen Platz hat. So könnten sie zum Beispiel Teile ihres Tarifvertrages mit der NFL neu verhandeln und somit einheitliche, strengere Strafen bezüglich häuslicher Gewalt festlegen. Dies ist bereits mit Vergehen wegen Dopings und DUIs geschehen. Auf diese Art und Weise könnten sie gleichzeitig die Macht Goodells einschränken. Die NFL-Teams könnten jedoch genauso ihre Machtposition ausnutzen und frühere Vergehen bzw. Beschuldigungen bei ihrer Draft-Entscheidung berücksichtigen. Überdies könnten NFL-Teams auf die Verpflichtung von Profis verzichten, die gerade von anderen Teams wegen solcher Vergehen suspendiert wurden.

Die NFL sollte sich ferner ein Beispiel an der AFL, der Australian Rules Football-Liga, nehmen, die nach mehreren Vorfällen häuslicher Gewalt 2004 Pflichtkurse für ihre Spieler einführte. Einmal im Jahr müssen die AFL-Profis Seminare zur Prävention von häuslicher und sexueller Gewalt besuchen. Wird ein NFL-Spieler erstmal wegen häuslicher Gewalt gesperrt, sollte überdies eine Therapie bzw. ein Anti-Aggressionstraining obligatorisch sein.

Hilfefonds der NFL für Opfer häuslicher Gewalt

Vergehen wegen häuslicher Gewalt bleiben trotzdem oft unentdeckt, die Dunkelziffer ist sehr hoch. Die Opfer haben häufig sehr große Angst vor den Konsequenzen, sollten sie eine Anzeige erstatten oder an die Öffentlichkeit gehen. So fürchten sie, dass man ihnen keinen Glauben schenkt oder erst gar keine Ermittlungen eingeleitet werden. Kommen die Täter auch noch aus einem Sportumfeld, sind diese Ängste gar nicht so unbegründet. Die Polizei scheint berühmten Athleten gegenüber wohlgesonnener – manchmal auch Dank des Eingreifens des jeweiligen NFL-Teams. Kommt es dann doch zu einem Prozess, werden Sportler im US-Durchschnitt seltener verurteilt. Des Weiteren sind die Spielerfrauen meist finanziell anhängig von ihren Ehemännern, so dass die Angst vor einem sozialen Abstieg viele von einer Anzeige abhält. Hier könnte die NFL einen Fonds einrichten, der die Spielerfrauen finanziell unterstützt und sie professionell begleitet, sollten sie den Weg einer Anzeige und anschließenden Prozesses gehen wollen.

Mit der Umsetzung all dieser Maßnahmen würde die NFL zeigen, dass sie das durchaus existierende Problem der (häuslichen) Gewalt im American Football anerkennt. Und gleichzeitig auch die Verantwortung für die Spätfolgen eines Sports übernimmt, der sowohl die Spieler als auch die engsten Angehörigen oftmals als Opfer zurücklässt. Immerhin verdient die NFL jährlich über 14 Milliarden US-Dollar mit ihrem Schicksal.

March Madness: Wahnsinn College Sports

80 Millionen TV-Zuschauer jedes Jahr, ausverkaufte Hallen und die Hoffnung auf einen erfolgreichen Draft – March Madness ist eines der Highlights im US-Sport. Doch was ist March Madness überhaupt und welche Bedeutung hat College Sports in den USA?

Als March Madness wird die nationale Hochschulmeisterschaft (Division I) der Männer im Basketball bezeichnet, welche jährlich seit 1939 von der National Collegiate Athletic Association (NCAA) organisiert wird. Es nehmen 64 Mannschaften an der Hauptrunde teil – die Sieger der 32 Conferences, d.h. der regionalen Staffeln der Division I, sind fest qualifiziert. Die restlichen Plätze werden dagegen von einem zehnköpfigen Auswahlkomitee der NCAA vergeben. Wessen Teilnahme am traditionellen Selection Sunday verkündet wird, darüber entscheiden Kriterien wie die eigene und gegnerische Siegerquote, die spielerische Qualität oder die Stärke der regionalen Staffeln. Das Turnier ist in vier Regionen (South, West, East, Midwest) mit je 16 Mannschaften unterteilt. Für jede dieser Gruppen wird vom Auswahlkomitee der NCAA eine Setzliste erstellt, so dass die beiden jeweils an eins und zwei gesetzten Mannschaften erst im regionalen Finale aufeinandertreffen können. Auf diese Weise bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten und Underdogs haben eine reelle Chance auf ein Weiterkommen. Stehen die Sieger der vier Regionen fest, kämpfen diese im Final Four um die beiden Finalplätze. Seit 1982 wird zeitgleich übrigens auch der US-Meistertitel im College Damen-Basketball vergeben, dieses Turnier erlangt jedoch nicht ansatzweise die gleiche Berichterstattung wie das Herren-Turnier.

Der Bracketology-Kult

Das Herren-Turnier wird dagegen seit 1969 im Fernsehen gezeigt, heutzutage übertragen gleich vier Fernsehsender, darunter CBS, jedes einzelne Spiel. Bis zum Jahr 2024 spült der Fernsehvertrag sage und schreibe 10,8 Milliarden US-Dollar in die Kassen der NCAA. Da überrascht es auch nicht, dass die Bracketology – das Vorhersagen sowie Ausfüllen der Brackets – zum abendfüllenden Hobby und Kult während der March Madness geworden ist. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama veröffentlicht jedes Jahr seinen Bracket; der Milliardär Warren Buffet verspricht jedem, der das Bracket vollkommen korrekt ausfüllt, eine Belohnung in Höhe von rund einer Milliarde US-Dollar. Auszahlen musste er sie jedoch noch nie.

Phänomen College Sport

Das College Sport-System der USA ist in diesem Ausmaße einzigartig. Kein anderes Land der Welt misst seinem Universitätssport solch eine große Bedeutung zu, erzielt derart hohe Einnahmen und zieht Millionen von Zuschauern in die Stadien. Für diese Entwicklung verantwortlich zeichnet sich die NCAA, welche 1906 mit dem ursprünglichen Ziel gegründet wurde, allgemein anwendbare Regeln für American Football aufzustellen. Heutzutage organisiert sie als Dachverband jeglichen Universitätssport der USA: 1.117 Colleges sowie Universitäten und knapp 500.000 Athletinnen und Athleten stehen unter ihrer Ägide. Doch die NCAA hat nicht nur eine administrative Rolle inne, sondern handelt auch legislativ, indem sie zum Beispiel über den Amateurstatus der Athleten verfügt. Denn jeder Athlet, der an NCAA-Wettbewerben teilnehmen möchte, tritt automatisch als Amateur an. Dies bedeutet, dass die sogenannten Student-Athletes weder ein Gehalt ausbezahlt bekommen noch Geld von Sponsoren, Agenten oder sonstige Gefälligkeiten wie Kinogutscheine annehmen dürfen. Dafür werden von den Colleges bzw. Universitäten teilweise die Studiengebühren erlassen, außerdem erhalten sie seit 2015 zusätzlich Stipendien, Essensgutscheine sowie Wohngeld. Ganz nach dem Motto „Bildung gegen sportliche Leistungen“. Doch trotz aller Zuwendungen der Universitäten leben viele College-Athleten nah an der Armutsgrenze. Neben dem vielen Training, diversen Wettkampfreisen und Lernen für das Studium – die Athleten müssen einen festgelegten Notenschnitt erreichen, um ihr Stipendium behalten zu können und weiterhin an Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen – bleibt kaum Zeit für einen Nebenjob. Hinzu kommt überdies das hohe Verletzungsrisiko. Bei einer größeren Verletzung ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass den Athleten das Stipendium entzogen wird und sie aus Geldmangel das Studium abbrechen müssen. Die Erfolgsaussichten beim Entry Draft, der alljährlichen Rekrutierungsveranstaltung im US-Sport, sind ebenfalls nicht so vielversprechend, wie den Athleten zu Beginn ihres Studiums weis gemacht wird. Eine Studie von 2001 belegt nämlich, dass nur rund ein Prozent der NCAA-Basketballspieler und circa zwei Prozent der NCAA-Footballspieler von NBA- bzw. NFL-Teams gedraftet werden.

Sollten College-Athleten bezahlt werden?

Michigan Stadium – “The Big House” Quelle: AndrewHorne; Lizenz: CC BY-SA 3.0

TV-Einnahmen, Sponsorenverträge, Merchandise sowie Ticketverkäufe sorgen jedes Jahr für Rekordumsätze. So verdient die NCAA jährlich alleine rund 850 Millionen US-Dollar am Basketballturnier der Division I. Ein Großteil dieser Einnahmen geht direkt zurück an die Universitäten und Colleges, wovon dann die Studiengebühren (ca. 50 Millionen US-Dollar) und Stipendien (ca. 100 Millionen US-Dollar) der Athleten beglichen werden. Doch was geschieht eigentlich mit dem Rest des Geldes? Ein Blick auf die Stadien sowie Trainingsgelände der Universitäten und die Gehälter der Trainer reicht, um die Frage ziemlich schnell zu beantworten. Die zehn größten Football-Stadien in den USA beherbergen alle Universitätsmannschaften. So brüstet sich die University of Michigan damit, dass ihr Stadion, Spitzname „The Big House“, wenn vollbesetzt, die viertgrößte Stadt im Bundesstaat Michigan ist. Mit einer Kapazität von 107.601 Plätzen ist es sogar das zweitgrößte Stadion der Welt. Genauso üppig gestalten sich die Gehälter der Trainer. Jahresgehälter von bis zu sieben Millionen US-Dollar jährlich sind heutzutage eher Normalität als Seltenheit an den großen US-Universitäten, dazu kommen u.a. Sponsorendeals, Privatjets oder diverse Boni. Während also die Trainer-Gehälter seit den 1970er Jahren gewissermaßen explodiert sind, hat sich für die Student-Athletes kaum etwas geändert. Fest steht nämlich: College-Athleten verdienen für ihre Arbeit, denn nichts anderes ist es ja, keinen Cent.

Die NCAA und der Amateursport

Forderungen nach einem Athletengehalt oder der Abschaffung des Amateurstatus werden von der NCAA immer wieder abgeschmettert. Ihrer Meinung nach würden die Integrität und der Reiz am Collegesport dadurch verloren gehen. Außerdem seien Athleten ja keine Angestellten der Universitäten, sondern Studenten. Student-Athletes halt. Dass die bis heute übliche Bezeichnung in den 1960er Jahren von Walter Byers (Präsident der NCAA 1951 – 1988) geprägt wurde, um damaligen Athleten im Falle einer Verletzung die Unfallversicherung vorzuenthalten, wird dabei kaum erwähnt. Es lässt sich jedoch gewiss darüber diskutieren, ob College-Athleten nicht eher Athlete-Students sind, wenn die Bildung auf der Strecke bleibt. Die Anforderungen an die Sportler – Training, Reiseaufwand und mehrere Spiele in der Woche – sind so hoch, dass sie kaum zum Studieren kommen, um ihren notwendigen Notenschnitt halten zu können. Doch ohne gute Noten dürfen sie nicht am Training oder Wettkämpfen teilnehmen, ohne Training oder Wettkampfteilnahme verlieren sie ihr Stipendium. Doch auch die Unis wollen nicht auf ihre Spitzenathleten verzichten, weshalb hier und da Zeugnisse und Noten schon mal gefälscht werden. So geschehen an der University of North Carolina, wo über 18 Jahre lang Kurse (sogenannte Paper Classes) mit dem Zweck erfunden wurden, den Notenschnitt der Athleten zu heben.

Skandale und Korruption

Die letzten Jahre im College Sport sind von Skandalen geprägt. So verlor zum Beispiel die University of Southern California 2010 ihren nationalen Football-Titel aus dem Jahr 2004, nachdem herauskam, dass deren Star-Running Back Reggie Bush unerlaubte Zahlungen von Sportagenten annahm. Außerdem musste Bush die renommierte Heisman Trophy für den besten Nachwuchssportler im American Football wieder zurückgeben. Vorfälle wie dieser, in denen Athleten heimlich Zuwendungen von Sportagenten oder Sponsoren annehmen, sind keine Seltenheit. Doch wer kann es ihnen verübeln? Ein System, in dem jeder bezahlt wird außer diejenigen, auf deren Leistung alles aufgebaut ist, lädt zur Korruption ein. Solange die NCAA am Amateurstatus festhält, hören auch die Skandale nicht auf.

Übrigens wird auch die diesjährige Basketball-Meisterschaft von einem Skandal überschattet: Das FBI deckte Ende des Jahres 2017 ein System aus Bestechung und Korruption auf, an dem u.a. Top-Universitäten wie die University of Southern California und die Oklahoma State University beteiligt waren. Zufälligerweise wurden beide Teams trotz ausreichender Leistungen vom Auswahlkomitee der NCAA nicht für die Hauptrunde nominiert.

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